Die US-amerikanische Federal Communications Commission (FCC) hat dem Startup Reflect Orbital die Genehmigung erteilt, den Prototypen-Satelliten Eärendil-1 in eine niedrige Erdumlaufbahn zu bringen. Das kalifornische Unternehmen will mit einem riesigen Spiegel Sonnenlicht gezielt auf die Erde reflektieren, um Nachtgebiete künstlich zu beleuchten. Der Start ist für Ende 2026 geplant.
Eärendil-1: Ein 18-Meter-Spiegel im Orbit

Das Projekt von Reflect Orbital basiert auf einer technischen Demonstration. Der Satellit Eärendil-1, der etwa das Gewicht eines Kühlschranks hat und 142 Kilogramm wiegt, wird einen quadratischen Reflektor aus aluminisierter Mylar-Folie entfalten. Dieser Spiegel misst 18 mal 18 Meter und wiegt lediglich 16 Kilogramm. Laut GadgetReview nutzt das System einen Origami-Mechanismus, um die Fläche im All zu spreizen.
Der Satellit soll in einer sonnensynchronen Bahn in einer Höhe von etwa 625 Kilometern operieren. Ziel ist es, einen kreisförmigen Lichtfleck mit einem Durchmesser von etwa fünf Kilometern auf der Erdoberfläche zu erzeugen. Die Lichtintensität dieses ersten Tests wird auf etwa 0,1 Lux geschätzt, was der Helligkeit des Vollmonds entspricht.
Das Unternehmen sieht darin eine Lösung für verschiedene Sektoren:
- Energie: Verlängerung der Betriebszeiten für Solarparks, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bei abendlichen Lastspitzen zu senken.
- Notfallmanagement: Beleuchtung von Katastrophengebieten für Such- und Rettungsteams.
- Industrie: Sicherere Nachtarbeit auf Baustellen ohne den Einsatz konventioneller Generatoren.
Die Expansionspläne bis 2035

Eärendil-1 ist lediglich der erste Schritt einer massiven Skalierungsstrategie. Reflect Orbital plant, bis zum Jahr 2028 rund 1.000 größere Satelliten zu betreiben. Bis 2035 soll die Flotte auf 50.000 Einheiten anwachsen. Diese Konstellation könnte laut TS2 Tech eine Beleuchtungsstärke von bis zu 36.000 Lux ermöglichen, was mit Tageslicht vergleichbar wäre.
Die logistische Herausforderung dieser Expansion ist enorm. Um das Ziel von 50.000 Satelliten bis 2035 zu erreichen, müsste das Unternehmen zwischen 2031 und 2035 durchschnittlich fast 25 Satelliten pro Tag starten, sofern die vorherigen Meilensteine erreicht werden.
| Zieljahr | Flottenziel | Implizierte tägliche Bereitstellung |
|---|---|---|
| 2028 | 1.000+ | 2,64 pro Tag |
| 2030 | 5.000+ | 5,48 pro Tag |
| 2035 | 50.000+ | 24,64 pro Tag |
Finanziell wird das Vorhaben durch Risikokapital gestützt. Im Mai 2025 sammelte das Startup in einer Series-A-Runde 20 Millionen Dollar unter der Führung von Lux Capital, wobei auch Sequoia Capital und Starship Ventures investierten.
Wissenschaftlicher Widerstand und ökologische Risiken
Die Pläne lösen in der Astronomie- und Umweltgemeinschaft heftige Kritik aus. Fast 2.000 öffentliche Kommentare gegen das Projekt gingen an die FCC ein. Organisationen wie die American Astronomical Society, DarkSky International und die Royal Astronomical Society warnen vor einer existenziellen Bedrohung für die optische Astronomie.
Das Konzept, die Erde aus dem Orbit zu beleuchten, stellt eine neue Kategorie von künstlichem Nachtlicht mit globalen ökologischen, kulturellen und regulatorischen Konsequenzen dar.
DarkSky, via CNET
Astronomen befürchten, dass die Spiegel die empfindlichen Instrumente von Observatorien überfordern könnten. Laut Gizmodo könnte die gesamte geplante Flotte dazu führen, dass jedes einzelne Bild einer Kamera wie der des Rubin-Observatoriums verloren geht. Die American Astronomical Society gab zu bedenken, dass ein einzelner Satellit wie Eärendil-1 eine optische Helligkeit von zwei- bis viermal der des Vollmonds haben könnte, was zudem die Umgebung durch atmosphärische Streuung aufhellt.
Neben der Forschung gibt es Bedenken hinsichtlich der biologischen Auswirkungen. Künstliches Licht in der Nacht könnte die zirkadianen Rhythmen von Menschen, Tieren und Pflanzen stören. Zudem wird davor gewarnt, dass Lichtblitze beim Neupositionieren der Spiegel Piloten und Autofahrer ablenken könnten.
Die regulatorische Lücke der FCC
Trotz der massiven Einwände erteilte die FCC die Genehmigung. Die Begründung der Behörde ist jedoch rein formal: Die FCC ist für die Regulierung von Funkfrequenzen und Kommunikation zuständig, nicht für Umwelt- oder Astronomiefragen. In ihrer Entscheidung stellte die Behörde fest, dass die behaupteten Schäden bei einem einzigen Testsatelliten unwahrscheinlich seien und die Bedenken außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs lägen.
Das bedeutet faktisch, dass die reflektierende Oberfläche und ihre Auswirkungen auf den Nachthimmel keinerlei formeller staatlicher Umweltprüfung unterzogen wurden. Reflect Orbital bezeichnet dies selbst als regulatorischen Blindspot.
Das Unternehmen versucht, die Kritik mit Sicherheitsversprechen zu entkräften. Ben Nowack, Mitgründer und CEO von Reflect Orbital, betonte, dass die Lizenz der erste Schritt sei, um die Wirksamkeit der Technologie und die entwickelten Sicherheitsvorkehrungen streng zu testen.
Wir designen für die Sicherheit in drei Bereichen: 1) das Licht ist in dem Spot konzentriert, 2) das Licht kann schnell und jederzeit ausgeschaltet werden, sodass nichts davon die Erde erreicht, und 3) wir können sensible Bereiche wie Forschungsobservatorien oder geschützte Habitate bewusst vermeiden.
Reflect Orbital, via Space.com
Die FCC beschränkte die Genehmigung auf eine Dauer von zwei Jahren, wovon etwa ein Jahr für den Betrieb und weniger als ein Jahr für den Wiedereintritt in die Atmosphäre vorgesehen ist. Jede zukünftige Erweiterung zu einer Konstellation würde neue regulatorische Genehmigungen erfordern. Damit bleibt die Frage offen, welche Behörde – etwa die EPA oder die NASA – in Zukunft die ökologischen Folgen von „Sonnenschein auf Bestellung“ bewerten wird.
Find more reporting in our Technik und Wissenschaft section.

