Eine im Herbst 2024 durchgeführte Umfrage des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes (UBA) belegt einen rückläufigen Stellenwert des Klimaschutzes in Deutschland. Während 2020 noch 65 Prozent der Befragten den Schutz von Umwelt und Klima als „sehr wichtig“ einstuften, sank dieser Wert bis zum aktuellen Erhebungszeitpunkt auf 54 Prozent.
Erosion der gesellschaftlichen Prioritätensetzung
Die Datenlage ist eindeutig: Die Begeisterung für die grüne Transformation bröckelt. Laut einer repräsentativen Befragung unter 2.552 Bürgern, die vom Klimareporter detailliert analysiert wurde, hat das Thema „Schutz von Umwelt und Klima“ zwar immer noch eine hohe Relevanz, verliert aber kontinuierlich an Boden.
Zwar bewertet eine Mehrheit von insgesamt 88 Prozent den Klimaschutz entweder als „sehr wichtig“ (54 Prozent) oder „eher wichtig“ (34 Prozent), doch der Trend bei der höchsten Prioritätsstufe ist alarmierend.
Die Entwicklung der Zustimmungswerte für die Einstufung „sehr wichtig“ zeigt eine klare Abwärtskurve:
- 2020: 65 Prozent
- 2022: 57 Prozent
- 2024: 54 Prozent
Die Erhebung wurde vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt (UBA) mittels eines Mixed-Mode-Designs durchgeführt. Die Methodik kombinierte computergestützte Telefoninterviews (CATI) mit Online-Befragungen, um eine repräsentative Abbildung der deutschen Bevölkerung zu gewährleisten. Die Stichprobengröße von 2.552 Personen wurde gewichtet, um demografische Merkmale wie Alter, Geschlecht und Region präzise abzubilden.
Veränderte Wahrnehmung und individuelle Verhaltensbarrieren
Sinkende Bedrohungswahrnehmung
Parallel zum Rückgang der Priorisierung sank die subjektive Wahrnehmung des Klimawandels als unmittelbare Gefahr. Im Jahr 2020 stuften 77 Prozent der Befragten den Klimawandel als „große Bedrohung“ ein. In der aktuellen Erhebung von 2024 sank dieser Anteil auf 66 Prozent. Damit ist die Einschätzung des Klimawandels als existenzielle oder schwerwiegende Gefahr innerhalb von vier Jahren um 11 Prozentpunkte zurückgegangen.

Die Daten zeigen zudem eine Diskrepanz zwischen der allgemeinen Wichtigkeit des Klimaschutzes und der persönlichen Bereitschaft zu Verhaltensänderungen. Nur 34 Prozent der Befragten gaben an, dass sie bereit seien, ihren Lebensstil grundlegend zu ändern, um die Klimaziele zu erreichen. Dies schließt spezifische Maßnahmen wie die Reduzierung von Flugreisen, den Verzicht auf Fleisch oder den Umstieg auf emissionsfreie Mobilitätsformen ein.
Wirtschaftlicher Druck und staatliche Akzeptanzkrise
Bewertung staatlicher Maßnahmen
Die Zustimmung zur Effektivität der Bundesregierung im Bereich des Klimaschutzes ist laut der BMUV/UBA-Studie gering. Lediglich 23 Prozent der Teilnehmenden bewerten die aktuellen staatlichen Maßnahmen als „ausreichend“. Eine deutliche Mehrheit sieht das Tempo und die Richtung der Transformation als ungenügend an, während gleichzeitig die Akzeptanz für die Umsetzung dieser Maßnahmen sinkt.

Die Analyse des Klimareporters hebt hervor, dass insbesondere die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der letzten Jahre die Einstellung beeinflusst haben. Die Energiekrise ab 2022 und die damit verbundene Inflation führten dazu, dass finanzielle Stabilität in der Prioritätenliste der Bürger vor ökologischen Zielen rückte. Die Kosten für Heizungsumstellungen, wie sie im Gebäudeenergiegesetz (GEG) vorgesehen sind, werden in den qualitativen Auswertungen der Befragten häufig als Barriere für die Zustimmung zum Klimaschutz genannt.
Demografische Bruchlinien und lokaler Naturschutz
Demografische und politische Divergenzen
Die Auswertung der Daten offenbart eine starke Korrelation zwischen der politischen Orientierung und der Bewertung des Klimaschutzes. Während Anhänger von Bündnis 90/Die Grünen konsistent die höchsten Werte bei der Einstufung „sehr wichtig“ aufweisen, verzeichnen Anhänger der AfD und Teile der CDU/CSU-Wählerschaft die stärksten Rückgänge in der Priorisierung.
Auch in der Altersstruktur zeigen sich Unterschiede. Jüngere Kohorten (18 bis 29 Jahre) bewerten den Klimaschutz weiterhin mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als „sehr wichtig“ als die Gruppe der über 60-Jährigen. Dennoch ist auch in der jungen Altersgruppe ein Trend der sogenannten „Klimamüdigkeit“ erkennbar, bei dem die initiale hohe Besorgnis einer Resignation oder einer Prioritätsverschiebung weicht.
Kontrast zum Naturschutz
Im Vergleich zum Klimaschutz erweist sich der klassische Naturschutz als stabiler. Die Befragten bewerten den Erhalt der biologischen Vielfalt (Biodiversität) und den Schutz lokaler Wälder und Moore konsistenter. Während die „sehr wichtig“-Werte beim Klimaschutz von 65 auf 54 Prozent fielen, blieben die Zustimmungswerte für den Artenschutz in einem engeren Korridor stabil. Dies deutet auf eine Entkopplung zwischen der globalen Klimaproblematik und dem lokalen Naturschutzbedürfnis hin.
Die methodischen Einschränkungen der Studie weisen darauf hin, dass die Befragten in einem Moment der wirtschaftlichen Unsicherheit antworteten. Die Ergebnisse spiegeln somit eine Momentaufnahme der gesellschaftlichen Stimmung im Herbst 2024 wider, in der die Kosten der Transformation unmittelbar spürbar wurden.
Zusammenfassend belegt die Erhebung des BMUV und des UBA, dass die gesellschaftliche Unterstützung für den Klimaschutz in Deutschland nicht mehr ungebrochen wächst, sondern eine Phase der Erosion durchläuft. Die Differenz zwischen der theoretischen Zustimmung (88 Prozent „wichtig“ oder „sehr wichtig“) und der praktischen Umsetzungswilligkeit (34 Prozent Lebensstiländerung) hat sich im Vergleich zu den Daten von 2020 und 2022 weiter verfestigt.