Die Earth Commission hat mit den Earth System Boundaries (ESBs) ein erweitertes Modell der planetaren Grenzen entwickelt, das neben ökologischer Sicherheit auch soziale Gerechtigkeit integriert. Während das ursprüngliche Planetary Boundary Framework globale Schwellenwerte definierte, ermöglichen die ESBs nun eine Skalierung dieser Grenzwerte auf regionale und lokale Ebenen.
Von den „Grenzen des Wachstums“ zu den planetaren Leitplanken
Die theoretische Basis für die heutige Debatte wurde bereits 1972 gelegt, als der Club of Rome in der Studie „Grenzen des Wachstums“ die Risiken exponentieller Entwicklungen in fünf Bereichen der Menschheitsentwicklung aufzeigte. Damals wurde bereits deutlich, wie schwierig es ist, Prozesse in komplexen Systemen präzise vorherzusagen. Diese Herausforderung führte zu einer zunehmenden Interdisziplinarität in der Forschung. Ein wichtiger Meilenstein war das Jahr 2014, als der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) das „Konzept planetarischer Leitplanken“ veröffentlichte. Ziel war es, globalen Fortschritt zu ermöglichen, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen irreversibel zu zerstören. „Das Konzept der Planetaren Grenzen zeigt, aufbauend auf empirischem Wissen, eine Art wünschenswertes Bild des Planeten. Dieses Bild wird auf verschiedene Prozesse im Erdsystem angewandt, um zu verdeutlichen, welche Veränderungen ungünstig für die Menschheit und die aktuellen Lebensbedingungen auf dem Planeten sind.“ Hans-Otto Pörtner, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut Diese systemische Sichtweise spiegelt sich auch in den Risikoanalysen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wider. Im 6. Sachstandsbericht wurde deutlich, dass viele marine, terrestrische und Süßwasser-Ökosysteme bei einer globalen Erwärmung von etwa 1,5 °C in einen Bereich hohen Risikos geraten. Dieser wissenschaftliche Konsens stützte das Pariser Abkommen von 2015, das diese Grenze als kritischen Schwellenwert definiert.Die Erweiterung der Earth Commission: Sicherheit trifft Gerechtigkeit
Trotz der Etablierung der neun planetaren Grenzen gab es eine Lücke: Die rein ökologischen Grenzwerte berücksichtigten nicht die soziale Verteilung der Lasten. Hier setzt die jüngste Bewertung der Earth System Boundaries (ESBs) an, die laut dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) auf dem Planetary Boundary (PB) Framework aufbaut, aber Konzepte wie die Donut-Ökonomie integriert. Der entscheidende Unterschied der ESBs besteht darin, dass sie nicht nur einen „sicheren“, sondern explizit einen „gerechten“ Handlungsraum definieren. Gerechtigkeit bedeutet in diesem Kontext die Vermeidung erheblicher menschlicher Schäden. Dazu zählen:- Verlust von Leben, Lebensunterhalt oder Einkommen
- Zwangsvertreibungen
- Verlust von Nahrungsmitteln, Wasser oder allgemeiner Ernährungssicherheit
- Zunahme chronischer Krankheiten, Verletzungen oder Unterernährung
Die Architektur der acht Kontrollvariablen
| Prozess der Planetaren Grenzen | Anzahl der Kontrollvariablen (ESB) |
|---|---|
| Klimawandel | 1 |
| Integrität der Biosphäre | 2 |
| Nährstoffe / biogeochemische Kreisläufe | 2 |
| Veränderung von Süßwassersystemen | 2 |
| Aerosolbelastung der Luft | 1 |
Lokale Umsetzung durch „science-based targets“
