Marktverzerrungen durch solare Überproduktion
Die zunehmende Installation von Photovoltaik-Anlagen führt zu einer massiven Stromproduktion während der Mittagsstunden. In diesen Zeitfenstern korreliert die Verfügbarkeit von Sonnenenergie oft nicht mit dem industriellen oder privaten Verbrauch. Dieser Effekt, der in der Energiewirtschaft häufig als „Duck Curve“ bezeichnet wird, drückt die Marktpreise unter die Nullmarke.
Wenn die Erzeugung durch Solarstrom die Last im Netz übersteigt, entsteht ein physikalischer Überschuss. Da die Netzinfrastruktur diesen Strom nicht sofort abtransportieren oder speichern kann, sinkt der Preis, um den Anreiz für andere Kraftwerke zu senken, ihre Produktion einzustellen.
Der Marktmechanismus, der ursprünglich darauf ausgelegt war, Knappheit durch hohe Preise zu signalisieren, stößt hier an seine Grenzen. Anstatt Knappheit zu regeln, müssen nun Mechanismen greifen, die den Überfluss bewältigen. Die Bundesnetzagentur beobachtet, dass diese Phasen der negativen Preise in Deutschland und angrenzenden EU-Staaten im Vergleich zu den Vorjahren an Häufigkeit und Dauer zugenommen haben.
Gefährdete Rentabilität konventioneller Kraftwerke

Negative Strompreise beeinflussen die Rentabilität von Kraftwerken, die nicht flexibel auf Marktpreissignale reagieren können. Besonders Gas- und Kohlekraftwerke stehen vor einem Dilemma. Sie müssen entweder ihre Produktion drosseln, was technische Herausforderungen mit sich bringt, oder sie produzieren weiter und zahlen für den verkauften Strom.
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Die wirtschaftliche Tragfähigkeit konventioneller Anlagen ist gefährdet, wenn die Marktpreise über längere Zeiträume negativ bleiben. Dies kann zu einem vorzeitigen Ausstieg aus dem Markt führen, was wiederum die Versorgungssicherheit in Zeiten ohne Sonne oder Wind gefährdet. Dr. Elena Fischer, Analystin für Energiewirtschaft am Fraunhofer Institut
Wenn diese Anlagen aufgrund negativer Preise aus dem Markt fallen, fehlt die notwendige Residuallastabdeckung. Die Branche warnt vor einer Instabilität des Merit-Order-Prinzips, da die Kosten für den Erhalt der Betriebsbereitschaft von Backup-Kraftwerken steigen, wenn diese im regulären Handel keine Erlöse erzielen.
Systemische Belastung durch Redispatch-Kosten
Ein weiteres Problem ist die Belastung der Netzentgelte. Wenn die Stromproduktion in einer Region (etwa im Norden Deutschlands durch Windkraft) zu hoch ist und die Leitungen in die Verbrauchszentren (den Süden) überlastet sind, muss der Netzbetreiber eingreifen.
Diese Maßnahmen, bekannt als Redispatch, dienen dazu, die Erzeugung zu steuern, um Netzüberlastungen zu vermeiden. Dabei werden Kraftwerke im Überflussgebiet zur Drosselung aufgefordert, während im Mangelgebiet Kraftwerke hochgefahren werden. Die Kosten für diese Eingriffe werden letztlich über die Netzentgelte auf die Endverbraucher umgelegt.
Die Kosten für solche Eingriffe sind in den letzten Jahren gestiegen. Die Betreiber der Übertragungsnetze müssen immer häufiger auf teure Steuerungsinstrumente zurückgreifen, um die physikalische Integrität des Stromnetzes zu wahren. Dies verdeutlicht die Diskrepanz zwischen dem dezentralen Ausbau der Erneuerbaren und dem zentralisierten Netzausbau.
Speichertechnologien als strukturelle Lösung
Um die negativen Preise zu begrenzen, ist eine Entkopplung von Erzeugung und Verbrauch notwendig. Speichertechnologien gelten als die primäre Lösung für dieses strukturelle Problem.
Kurzzeitige Schwankungen im Stromnetz können durch Batteriespeicher abgefangen werden. Diese laden sich während der Phasen negativer Preise auf und speisen den Strom in Zeiten hoher Nachfrage wieder ein. Die Kapazitäten von Heimspeichern und industriellen Großbatterien sind im ersten Halbjahr 2026 weiter gewachsen, erreichen aber noch nicht das Niveau, das für eine vollständige Glättung der Preisspitzen nötig wäre.
Für die langfristige Lösung und die Bewältigung saisonaler Schwankungen wird die Elektrolyse von Wasserstoff entscheidend. Wenn Strom zu negativen Preisen verfügbar ist, können Elektrolyseure betrieben werden, um Wasserstoff zu produzieren. Dieser dient als chemischer Energiespeicher und kann in späteren Zeiten oder in anderen Industriesektoren genutzt werden.
Die Integration von Wasserstoff als Puffer im Strommarkt ist jedoch mit hohen Investitionskosten verbunden. Die Entwicklung einer funktionierenden Wasserstoffinfrastruktur bleibt eine der zentralen Aufgaben der europäischen Energiepolitik, um die wirtschaftlichen Nachteile der erneuerbaren Energieerzeugung zu minimieren.
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