Deutschland ist im ersten Quartal 2026 erstmals seit 2023 wieder Netto-Stromexporteur: Mit 2,6 Terawattstunden (TWh) wurde mehr Strom exportiert als importiert, getrieben durch sinkende Binnenpreise und eine ungewöhnlich hohe Gasverstromung.
Deutschland kehrt als Stromexporteur zurück – nach drei Jahren Importphase
Nach drei Jahren durchgehender Netto-Stromimporte hat Deutschland im ersten Quartal 2026 wieder mehr Strom ins Ausland verkauft als eingeführt. Laut aktuellen Daten der Bundesnetzagentur und der Fraunhofer-Plattform Energy-Charts lag die Netto-Exportmenge bei 2,6 Terawattstunden (TWh). Zum Vergleich: Im ersten Quartal 2025 war Deutschland noch mit einem Importüberschuss von 4,0 TWh konfrontiert. Die Rückkehr zum Nettoexporteur markiert einen historischen Wendepunkt seit dem endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie im April 2023.

Die Entwicklung ist vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: Zum einen sanken die Großhandelspreise in Deutschland im ersten Quartal 2026 stärker als in den meisten Nachbarländern, was den Export attraktiv machte. Zum anderen wurde ungewöhnlich viel Gas verstromt – insgesamt mehr als 22 TWh. Gleichzeitig stieg die Erzeugung aus Wind- und Solarenergie dank besserer Winderträge im Vergleich zum Vorjahresquartal um rund 54 TWh. Dennoch blieb die Gesamtmenge an erneuerbarem Strom unter dem Niveau des ersten Quartals 2024, als Deutschland noch Nettoimporteur war.
Österreich bleibt Hauptabnehmer – Export nach Dänemark und Norwegen steigt
Die größten Stromabnehmer Deutschlands im ersten Quartal 2026 waren Österreich (3,85 TWh), Tschechien (1,5 TWh), die Schweiz (1,4 TWh) und Polen (1,1 TWh). Besonders auffällig ist der deutliche Anstieg der Exporte nach Dänemark und Norwegen. Dagegen sanken die Exporte nach Frankreich um etwa die Hälfte im Vergleich zum Vorjahresquartal. Die größten Stromlieferanten für Deutschland waren Dänemark, die Niederlande und Frankreich.
Die Bundesnetzagentur betont, dass rund 57,1 Prozent der deutschen Stromexporte aus erneuerbaren Energien stammten – ein deutlicher Beleg für den wachsenden Anteil der Wind- und Solarenergie im deutschen Strommix. Bei den Importen stieg der Anteil der Erneuerbaren auf 50,2 Prozent. Dennoch dominiert nach wie vor die Kernenergie im internationalen Stromhandel, auch wenn Deutschland selbst seit 2023 keine Kernkraft mehr nutzt.
Norwegen als Schlüsselmarkt: Verbrauch steigt, Export sinkt
Ein besonderes Phänomen zeigt sich am norwegischen Strommarkt: Erstmals seit mindestens 2015 überstieg im ersten Quartal 2026 der heimische Stromverbrauch die Erzeugung. Mit 43 TWh Verbrauch gegenüber 42 TWh Erzeugung war dies eine ungewöhnliche Konstellation. Während die Erzeugung aus Wasserkraft leicht zurückging, stieg der Verbrauch vor allem wegen kälterer Temperaturen. Norwegen bleibt für Deutschland jedoch weiterhin ein wichtiger Akteur: Einerseits bezieht Deutschland direkt Strom aus Norwegen, andererseits exportiert Norwegen große Mengen nach Dänemark, das wiederum Nettoexporteur nach Deutschland ist. Im ersten Quartal 2026 exportierte Norwegen jedoch weniger Strom nach Deutschland und Dänemark als in den Vorjahreszeiträumen.
Die Rückkehr zum Nettoexporteur ist auch ein Indiz für die veränderten Rahmenbedingungen im europäischen Strommarkt. Während Deutschland in der Vergangenheit oft Strom exportierte, weil Kohlekraftwerke trotz niedriger CO₂-Preise wirtschaftlich betrieben wurden, hat sich die Situation heute gewandelt. Die Bundesnetzagentur bestätigt, dass die aktuellen Preisentwicklungen den Export begünstigt haben – ein Zeichen für die fortschreitende Dekarbonisierung und die wachsende Rolle der Erneuerbaren.
Ausblick: Erneuerbare als Treiber der Zukunft
Die aktuelle Entwicklung unterstreicht die Bedeutung der erneuerbaren Energien für die deutsche Stromversorgung. Laut Bundesnetzagentur stammten im ersten Quartal 2026 bereits fast zwei Drittel des deutschen Stroms aus Wind- und Solarenergie. Dennoch bleibt die Frage, ob sich dieser Trend langfristig fortsetzen kann. Die Bundesnetzagentur warnt vor weiteren Schwankungen, insbesondere durch wetterabhängige Erzeugung und die volatile Nachfrage.
Für die kommenden Monate wird entscheidend sein, ob die Erzeugung aus Wind und Sonne weiter steigt und ob die Gasverstromung als Brückentechnologie ausreicht. Sollte sich der aktuelle Trend fortsetzen, könnte Deutschland seinen Platz als zentraler Stromexporteur in Europa zurückerobern – allerdings nur, wenn die Rahmenbedingungen für Erneuerbare und Netzinfrastruktur weiter verbessert werden.
Die Rückkehr zum Nettoexporteur ist somit kein Zufall, sondern das Ergebnis einer komplexen Wechselwirkung aus Marktpreisen, technologischem Wandel und politischer Weichenstellung. Die nächsten Quartale werden zeigen, ob dieser Erfolg nachhaltig ist oder nur eine Episode bleibt.