Der chinesische Investor Wuxi Yinda Nylon hat am 3. Juni 2026 die insolvente Perlon-Gruppe übernommen. Das weltweit führende Unternehmen für Kunststofffasern sichert laut Berichten von BILD und der Kanzlei SGP Schneider Geiwitz 450 von 510 deutschen Arbeitsplätzen an drei Standorten, nachdem das Unternehmen 2025 in die Insolvenz gerutscht war.
Die Übernahme markiert das Ende eines dramatischen Sanierungsverfahrens, das im Oktober 2025 vor dem Amtsgericht Augsburg begann. Die Perlon-Gruppe, ein Spezialist für synthetische Filamente in der Medizintechnik und für Papiermaschinen, war zuvor unter der Führung der Münchener Serafin-Gruppe. Trotz massiver Kapitalzufuhren durch den Mutterkonzern konnte die wirtschaftliche Lage nicht stabilisiert werden.
Der Käufer aus der Nähe von Shanghai setzte sich in einem internationalen Bieterprozess gegen nationale und globale Interessenten durch. Interessanterweise weichen die Quellen bei der genauen Bezeichnung des Käufers ab: Während BILD und Merkur von Wuxi Yinda Nylon berichten, nennen T-Online und MaschinenMarkt die Wuxi Xingda Nylon Company. Fest steht, dass es sich um einen familiengeführten Chemiekonzern handelt, der primär als Styroporhersteller bekannt ist.
Sicherung der Standorte in Munderkingen, Bobingen und Wald-Michelbach
Für die Belegschaft in Deutschland ist die Übernahme mit einem Teilerfolg verbunden. Die drei deutschen Produktionsstätten bleiben erhalten, wobei die Marke Perlon weltweit weitergeführt werden soll. Von den insgesamt 510 Arbeitsplätzen in Deutschland sind 450 gesichert.

Der Stellenabbau konzentriert sich laut SGP Schneider Geiwitz primär auf den Standort Bobingen in Bayern. Die anderen Standorte in Munderkingen (Baden-Württemberg) und Wald-Michelbach (Hessen) bleiben als Kern der Produktion bestehen.
Die operative Kontinuität war während des gesamten Prozesses das zentrale Ziel. Laut Mitteilung der Kanzlei SGP konnte der Geschäftsbetrieb sowie die Lieferfähigkeit während der Insolvenzphase unverändert aufrechterhalten werden, was den Wert des Unternehmens im Bieterprozess stützte.
Ursachen des Absturzes: Einbruch im Papiermaschinenmarkt
Der Weg in die Insolvenz war kein plötzliches Ereignis, sondern das Resultat einer schleichenden Erosion der Wettbewerbsfähigkeit. Der wichtigste Absatzmarkt – die europäischen Papiermaschinenbespannungen – brach massiv ein. Laut Sanierungsmitteilungen, die Merkur zitiert, sank die Auslastung an den Produktionsstandorten seit 2022 um rund 40 Prozent.

- Energiekosten: Massive Steigerungen bei den Strom- und Gaspreisen trafen die energieintensive Verarbeitung von schmelzspinnbaren Polymeren hart.
- Lohnkosten: Steigende Personalkosten in Deutschland verschlechterten die relative Kostenstruktur gegenüber asiatischen Mitbewerbern.
- Wettbewerbsdruck: Billigere Konkurrenz aus China drängte Perlon zunehmend aus seinen traditionellen Märkten.
Selbst strategische Zukäufe brachten keine Rettung. Die Übernahme des polnischen Konkurrenten NOWO sollte das Geschäft stärken, führte jedoch nicht zur erhofften Trendwende.
Das Scheitern der Serafin-Gruppe und die Rolle des Kapitals
Die Perlon-Gruppe gehörte zuvor zur Serafin-Gruppe, einem Finanzinvestor der Augsburger Unternehmerfamilie Haindl. Die Versuche, das Unternehmen durch reine Finanzspritzen zu retten, erwiesen sich als wirkungslos. Laut Unternehmeredition unterstützte Serafin die Gruppe über mehrere Jahre mit Investitionen und Garantien im hohen zweistelligen Millionenbereich.
Dieses Volumen reichte jedoch nicht aus, um die strukturellen Defizite und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit gegen die chinesische Konkurrenz auszugleichen. Letztlich entschied sich die Chefetage von Serafin für die Trennung, was den Weg für den Verkauf an den chinesischen Investor ebnete.
T-Online (im Kontext allgemeiner Insolvenzverläufe)Analyse: Symptom einer branchenweiten Strukturkrise
Der Fall Perlon ist kein isoliertes Ereignis, sondern ein Symptom für die aktuelle Lage der deutschen Chemieindustrie. Die Branche befindet sich in einer der schwierigsten Phasen seit Jahrzehnten. Die Kombination aus schwachem Weltmarkt und extrem hohen Rohstoffkosten führt dazu, dass selbst Weltmarktführer rote Zahlen schreiben.
Die Übernahme durch Wuxi Yinda/Xingda Nylon verdeutlicht eine strategische Verschiebung: Während deutsche Unternehmen unter Kostensteigerungen leiden, kaufen asiatische Konzerne etablierte Marken und Technologien auf, um ihre globale Präsenz zu festigen. Perlon bringt eine starke Marke und spezialisiertes Know-how in der Medizintechnik und Dentalindustrie mit, das für den chinesischen Investor einen langfristigen Wert darstellt.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Versprechen der „langfristigen Kontinuität“ eingehalten wird. Die Herausforderung für den neuen Eigentümer besteht darin, die hohen deutschen Produktionskosten durch Effizienzgewinne oder neue Marktzugänge zu kompensieren, ohne die verbleibenden 450 Arbeitsplätze weiter zu gefährden.