Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit 5,7 Prozent der Erwachsenen an Depressionen leiden. Während Frauen häufiger betroffen sind, weisen Experten wie der Psychiater Erich Seifritz darauf hin, dass insbesondere Menschen in akademischen Berufen eine Neigung zu hochfunktionalen Depressionen entwickeln, bei denen die äußere Leistungsfähigkeit trotz innerer Leere aufrechterhalten wird.
Hochfunktionale Depression in akademischen Berufen
Die klinische Wahrnehmung von Depressionen verschiebt sich zunehmend weg vom Bild des völlig handlungsunfähigen Patienten. Ein spezifisches Phänomen ist die hochfunktionale Depression, bei der Betroffene oberflächlich leistungsfähig bleiben, während sie innerlich zerbrechen. Der Psychiater Erich Seifritz beobachtet dieses Muster vor allem bei Menschen in akademischen Berufen, wie aus einem Bericht von DIE WELT hervorgeht.
Diese Form der Erkrankung ist oft tückisch, da die Betroffenen ihre Krankheit lange Zeit nicht wahrhaben wollen oder nach außen hin funktionieren. In der medizinischen Einordnung werden solche atypischen Depressionen oft dadurch charakterisiert, dass die Patienten trotz ihrer Symptome ihren beruflichen und sozialen Verpflichtungen nachkommen können. Dennoch bleibt die innere Leere bestehen, was die Diagnose erschwert, da die klassischen Anzeichen einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit fehlen.
Klassifizierung und Varianten depressiver Störungen
Um die unterschiedlichen Ausprägungen von Depressionen zu verstehen, ist die Differenzierung nach medizinischen Standards essenziell. Die Cleveland Clinic verweist hierbei auf das Diagnostic Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5) der American Psychiatric Association, welches verschiedene depressive Störungen definiert.
Die schwerste Form ist die klinische Depression, auch als Major Depressive Disorder (MDD) bezeichnet. Hierbei müssen Symptome wie Traurigkeit, Gefühle der Wertlosigkeit oder Appetit- und Schlafstörungen an den meisten Tagen über mindestens zwei Wochen anhalten. Im Gegensatz dazu steht die persistierende depressive Störung (PDD), früher als Dysthymie bekannt. Diese ist milder oder moderat, hält jedoch über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren an.
- Die Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD), die bei Kindern meist vor dem zehnten Lebensjahr beginnt und durch chronische Reizbarkeit sowie Wutausbrüche gekennzeichnet ist.
- Die Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDD), bei der starke Stimmungsschwankungen, Angst oder Depressionen vor der Periode auftreten.
- Depressionen aufgrund anderer medizinischer Bedingungen, etwa bei Hypothyreose, Herzerkrankungen, Parkinson oder Krebs. In diesen Fällen verbessert sich die depressive Symptomatik oft, wenn die zugrunde liegende körperliche Ursache behandelt wird.
Zudem gibt es spezifische Varianten der Major Depressive Disorder, wie die saisonal abhängige Depression (SAD), die typischerweise im Herbst und Winter auftritt, sowie pränatale und postnatale Depressionen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt.
Biologische und soziale Risikofaktoren
Die Entstehung einer Depression ist selten auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Laut der Mayo Clinic resultiert das Risiko meist aus einer Kombination biologischer, sozialer und psychologischer Faktoren.
Biologisch spielen die Genetik und die Familiengeschichte eine Rolle. Auch körperliche Erkrankungen wie Diabetes, Herzerkrankungen oder Schilddrüsenstörungen sowie hormonelle Veränderungen während der Menopause oder Schwangerschaft können als Auslöser wirken. Ein zentraler Punkt ist die Veränderung der Gehirnchemie, insbesondere Störungen von Neurotransmittern wie Serotonin, die Stimmung, Schlaf und Appetit regulieren.
Die sozialen Treiber sind vielfältig. Traumatische Lebensereignisse, ein Mangel an sozialer Unterstützung sowie ein begrenzter Zugang zu grundlegenden Ressourcen wie Nahrung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung erhöhen die Vulnerabilität. Psychologisch gesehen verstärken negative Gedankenmuster und problematische Bewältigungsstrategien, wie etwa Vermeidungsverhalten oder Substanzmissbrauch, das Risiko für eine depressive Episode.
Die WHO ergänzt, dass Menschen, die Missbrauch oder schwere Verluste erlebt haben, eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer Depression aufweisen. Global gesehen sind etwa 332 Millionen Menschen betroffen. Die WHO stellt fest, dass Depressionen bei Frauen etwa 1,5-mal häufiger vorkommen als bei Männern.
Therapeutische Ansätze und medikamentöse Besonderheiten
Die Behandlung von Depressionen, einschließlich der hochfunktionalen Form, stützt sich auf drei wesentliche Säulen: Psychotherapie, Medikamente und Lebensstiländerungen.
Die Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, zielt darauf ab, Kompetenzen zur Stressbewältigung zu entwickeln und Trigger zu identifizieren. Therapeuten unterstützen Patienten dabei, negative Gedanken und Ängste rationaler einzuordnen. In schweren Fällen, insbesondere bei Suizidalität, kann ein stationärer Aufenthalt in einer Psychiatrie oder einer Tagesklinik notwendig sein.
Bei der medikamentösen Behandlung kommen häufig selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) zum Einsatz. Für atypische Depressionen werden jedoch auch MAO-Hemmer (Monoaminooxidase-Hemmer) wie Phenelzin, Tranylcypromin, Isocarboxazid oder Selegilin eingesetzt. Studien zeigen laut Onmeda, dass ein Großteil der Menschen besser auf MAO-Hemmer als auf SSRI anspricht.

Die Einnahme von MAO-Hemmern erfordert jedoch eine strikte Ernährungsumstellung, da diese Medikamente zu einem starken Anstieg des Blutdrucks führen können, wenn Lebensmittel mit hohem Tyramingehalt konsumiert werden.
- Verarbeitete Wurstwaren und Leber.
- Würzige Käsesorten und Fischkonserven.
- Schalentiere und Hefe.
- Eingelegtes Gemüse, Avocado, Himbeeren, Ananas und Rhabarber.
Ergänzend dazu wird die Veränderung des Lebensstils empfohlen. Die Vermeidung von übermäßigem Stress, etwa durch die Reduzierung von Arbeitsstunden, Bewegung an der frischen Luft, eine ausgewogene Ernährung und ein stabiles soziales Netzwerk gelten als förderlich. Der Verzicht auf Alkohol- und Medikamentenmissbrauch ist hierbei ein kritischer Erfolgsfaktor.
Globale Herausforderungen und Gefahren
Trotz der Verfügbarkeit effektiver Behandlungen gibt es erhebliche Lücken in der Versorgung. Die WHO berichtet, dass in Hocheinkommensländern nur etwa ein Drittel der Menschen mit Depressionen eine entsprechende Behandlung erhält. Die Barrieren sind vielfältig und reichen von fehlenden Investitionen in die psychische Gesundheit über einen Mangel an geschultem Personal bis hin zu sozialen Stigmata.
Die Gefahr einer unbehandelten Depression ist hoch. Die Cleveland Clinic und die WHO warnen, dass sich die Erkrankung ohne Therapie verschlimmern kann und im schlimmsten Fall zu Selbstverletzungen oder zum Suizid führt. Im Jahr 2021 verloren schätzungsweise 727.000 Menschen ihr Leben durch Suizid, wobei dies die dritthäufigste Todesursache bei 15- bis 29-Jährigen darstellt.
Depression isn’t a weakness or a character flaw. It’s not about being in a bad mood, and people who experience depression can’t just snap out of it. Dr. Craig Sawchuk, klinischer Psychologe an der Mayo ClinicDie Erkenntnis, dass Depressionen auch bei Menschen auftreten können, die im Alltag perfekt funktionieren, unterstreicht die Notwendigkeit, psychische Gesundheit unabhängig von der äußeren Leistungsfähigkeit zu bewerten. *Hinweis: Diese Informationen dienen der journalistischen Berichterstattung und ersetzen keine ärztliche Diagnose.