Der neue ungarische Ministerpräsident Péter Magyar traf am Donnerstag, 21. Mai 2026, in Wien auf Bundeskanzler Christian Stocker, um eine neue Ära der bilateralen Zusammenarbeit einzuläuten. Nach seinem Amtsantritt im April und einem Besuch in Warschau signalisiert Magyar eine Abkehr von der Blockadepolitik der Orbán-Ära hin zu einer konstruktiven EU-Mitgliedschaft.
Die persönliche Chemie zwischen Stocker und Magyar
Das Treffen am Ballhausplatz war geprägt von einer ungewöhnlichen Vertrautheit. Christian Stocker und Péter Magyar, die sich bereits im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz kennengelernt hatten, pflegten während der gemeinsamen Pressekonferenz ein freundschaftliches „Du“. Diese persönliche Nähe unterstreicht den Wunsch Wiens, die Beziehungen zu Budapest nach 16 Jahren unter Viktor Orbán grundlegend neu zu definieren.

Trotz der politischen Harmonie wirkte der 45-jährige Magyar, laut Berichten des Kurier, bei den militärischen Ehren noch sichtlich steif und wenig trittsicher. Während er bei der ungarischen Nationalhymne leise mitsang, zeigten sich in seinen Auftritten erste Unsicherheiten im Umgang mit dem offiziellen Protokoll; in Pressekonferenzen neigte er dazu, von den eigentlichen Fragen und Reden abzuschweifen.
Péter Magyar, Ministerpräsident von Ungarn
Magyar betonte zwar, dass man in einigen Punkten nicht konform gehen werde und die Welt „irgendwie anders“ sehe, doch die Grundstimmung ist optimistisch. Als konkretes Zeichen dieser Annäherung ist für September eine gemeinsame Regierungssitzung im Sisi-Schloss Gödöllö in Ungarn geplant, gefolgt von weiteren Gesprächen in Österreich.
Österreichs mögliche Integration in die Visegrad-Gruppe
Ein zentraler strategischer Punkt des Besuchs war der Vorstoß Magyars, Österreich in die Visegrad-Gruppe aufzunehmen. Die derzeit aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn bestehende Allianz soll nach Ansicht des neuen Premiers erweitert werden, um die Interessen Mitteleuropas in Brüssel effektiver zu vertreten. Magyar stellte klar, dass eine solche Entscheidung nicht allein von ihm abhängt, sondern mit den anderen drei Mitgliedstaaten abgestimmt werden muss.

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Wie ORF berichtet, sieht auch Christian Stocker ein erhebliches Potenzial für eine engere Zusammenarbeit in der Region. Zwar existieren bereits bewährte Formate wie die Slavkov-Gruppe oder die „Central 5“, doch das Ziel ist eine tiefere Abstimmung, insbesondere bei der Sicherheit und der Migrationspolitik, um die Stabilität in beiden Ländern und in Europa insgesamt zu gewährleisten.
Kurswechsel bei der Ukraine-Politik und EU-Integration
Magyar markiert eine deutliche Zäsur zur prorussischen Linie seines Vorgängers. In seinem ersten Auslandsbesuch in Warschau bezeichnete er Polen als Vorbild für demokratische Reformen und zitierte die Redewendung „Es kommt der Expresszug aus Warschau“, um zu verdeutlichen, dass Reformen aus Polen zeitversetzt auch in Ungarn Einzug halten.
Péter Magyar, Ministerpräsident von Ungarn, via News.at
Laut News.at verfolgt Magyar jedoch einen differenzierten Ansatz: Während er humanitäre Hilfe zusichert, deutete er an, dass Ungarn weiterhin keine Waffen an die Ukraine liefern werde. Sein Ziel ist eine dauerhafte Waffenruhe und ein international garantierter Frieden. Ein Treffen mit Wolodymyr Selenskyj im Juli ist in Aussicht gestellt, sofern die Verhandlungen über die Rechte der etwa 80.000 Angehörigen der ungarischen Minderheit in der Ukraine erfolgreich verlaufen.
Innerhalb der Europäischen Union verspricht Magyar, dass Ungarn wieder als „verlässlicher Verhandlungspartner“ und konstruktives Mitglied im EU-Rat agieren wird. Trotz dieses Kurswechsels rechnet er weiterhin mit Herausforderungen und Konfrontationen mit den EU-Institutionen, insbesondere da er weiterhin einen nationalistischen Kurs verfolgt.
Wirtschaftliche Verflechtungen und der Streit um Sondersteuern
Die wirtschaftlichen Bande zwischen Wien und Budapest sind eng und stellen ein starkes Fundament für die politische Annäherung. Österreich ist nach Deutschland das zweitwichtigste Herkunftsland ausländischer Direktinvestitionen in Ungarn, mit einem Gesamtvolumen von mehr als 11 Milliarden Euro.

Die Handelsbilanz zeigt eine positive Tendenz: Die Warenausfuhren aus Österreich nach Ungarn verzeichneten im Jahr 2025 einen Zuwachs. Dennoch gibt es einen hartnäckigen Streitpunkt, der die diplomatische Idylle trübt: die ungarische Sondersteuer für ausländische Supermarktketten.
Diese Steuer trifft insbesondere österreichische Unternehmen schwer. Die EU-Kommission wirft Ungarn Diskriminierung vor und hat bereits angekündigt, den Fall vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zu bringen. Während die politischen Chefs von einem neuen Kapitel sprechen, bleibt diese fiskalische Auseinandersetzung eine Belastungsprobe für die neue Partnerschaft.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Magyar versucht, die Balance zwischen einer pro-europäischen Neuausrichtung und nationalen Interessen zu finden. Für Österreich bietet dieser Wechsel die Chance, einen stabilen Partner an der Ostgrenze zurückzugewinnen, sofern die wirtschaftlichen Differenzen und die komplexen Fragen der Migrationspolitik gelöst werden können.