Delegierte auf einer Konferenz in Versailles haben am 15. Oktober 2026 gestimmt, die Schaltsekunde ab Mai 2027 abzuschaffen, und ersetzen abrupte Zeitanpassungen durch eine kontinuierliche Zeitskala, die es ermöglicht, dass die Atom- und die astronomische Zeit über Jahrtausende hinweg um bis zu einer Stunde auseinanderdriften.
Nach jahrzehntelanger Debatte haben offizielle Zeitnehmer der International Bureau of Weights and Measures (BIPM) bei einer Konferenz in Frankreich das Ende der sogenannten Schaltsekunde besiegten. Delegierte aus 69 Mitgliedsstaaten stimmten am 15. Oktober 2026 für die Abschaffung der Korrektursekunde, die seit 1972 insgesamt 27 Mal in die Weltzeit eingefügt worden war, um die Atomuhren mit der ungleichmäßigen Erdrotation abzugleichen. Der Beschluss tritt am 20. Mai 2027, dem Weltmetrologietag, in Kraft, wie unter anderem Scientific American berichtete.

Computersysteme drohen durch negative Sekunden zu scheitern
Die Wahrscheinlichkeit einer solchen negativen Korrektur wurde laut Daten des International Earth Rotation and Reference Systems Service für das kommende Jahrzehnt auf rund 30 Prozent geschätzt, wie die Berichterstattung von CBC darlegt. Hinter der Reform stehen vor allem wachsende Risiken für die globale digitale Infrastruktur. Da die Erdrotation in den vergangenen Jahren unerwartet an Geschwindigkeit zunahm, drohte erstmals in der Geschichte die Notwendigkeit einer negativen Schaltsekunde – also das Streichen einer Sekunde aus der koordinierten Weltzeit (UTC). Experten befürchteten verheerende Systemabstürze.
So wurden die Ereignisse im Jahr 2012 für Zusammenbrüche bei Plattformen wie Reddit und LinkedIn sowie für den Ausfall des Buchungssystems der Fluggesellschaft Qantas verantwortlich gemacht, während Cloudflare im Jahr 2016 Server-Probleme verzeichnete. In der Vergangenheit hatten unvorhersehbare Schaltsekunden bereits mehrfach zu schweren IT-Ausfällen geführt. Großkonzerne wie Meta kritisierten die abrupten Eingriffe als erhebliche Belastung für den Betrieb von Rechenzentren und Finanzmärkten. Setnam Shemar, der leitende Zeitwissenschaftler des Vereinigten Königreichs, erklärte gegenüber der Financial Times: „Viele Computerprogramme gehen davon aus, dass alle Schaltsekunden positiv sind.
Weltzeit wandelt sich zur kontinuierlichen Skala
Anstatt die Uhren kurzfristig anzuhalten oder springen zu lassen, erlauben die Zeitnehmer künftig eine größere Abweichung zwischen der Atomzeit und der astronomischen Zeit (UT1). Mit der Neufassung wird UTC in eine kontinuierliche Skala umgewandelt. Erst wenn sich die Differenz auf bis zu 3.600 Sekunden beziehungsweise eine volle Stunde summiert, soll nach den Plänen eine sogenannte Schaltstunde eingefügt werden. Angesichts des aktuellen Tempos der Erdrotation wird ein solcher Schritt nach Berechnungen von Fachleuten jedoch erst in vielen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden notwendig sein.
Die Rotation des Planeten wird weiterhin von internationalen Diensten wie dem in Frankfurt ansässigen Dienst überwacht und veröffentlicht. Die langfristige Trennung der offiziellen Zeit von der Erdrotation bedeutet jedoch keine Abkehr von der Astronomie. Während Technologieunternehmen und Administratoren von kritischen Infrastrukturen aufatmen, sehen manche Beobachter den Wandel auch mit Skepsis. Der Kulturwissenschaftler Michelle Bastian von der Universität Edinburgh gab zu bedenken, dass die Reform die künstliche Natur unseres Zeitverständnisses offenbare, wie The Independent anmerkte.

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