Wochen nach dem historischen Migrantenansturm von Ende Juli auf die spanische Exklave Ceuta bleibt die Lage in der Stadt angespannt. Tausende Migranten halten sich weiterhin in dem dichtbesiedelten Gebiet auf, während der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez in Madrid das Fehlen solider Beweise für eine staatliche Planung Marokkos betonte.
Die Schätzungen über die Zahl der in der Stadt verbliebenen Menschen gehen weit auseinander; Behörden gehen von 5.000 bis zu 20.000 verbliebenen Migranten aus, die sich das Gebiet mit den rund 85.000 Einwohnern teilen.
Mehr als 80.000 Migranten stürmten am 30. und 31. Juli die Barrikaden. Sie schwammen um den Grenzzaun, stiegen Steine am Strand hoch, rannten über Absperrungen, kletterten über Mauern.
Alltag an Schulen zwischen Sicherheitskräften und Lagern
Migrantenansturm auf Ceuta
Die Auswirkungen des Ausnahmezustands zeigen sich an ungewöhnlichen Orten. So mussten Eltern in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien ihre Kinder an der Juan-Carlos-Grundschule zwischen Soldaten in Flecktarn und Sicherheitskräften verabschieden. Obwohl die Zahl der Menschen in der Stadt durch freiwillige Rückkehrer und Rückführungen gesunken ist, schlafen viele Betroffene weiterhin im Freien oder in provisorischen Lagern, was den Unmut der ansässigen Bevölkerung spürbar anwachsen lässt.
Politische Debatte in Madrid und Kontroverse um Marokkos Rolle
Im spanischen Parlament sah sich Ministerpräsident Pedro Sánchez scharfer Kritik ausgesetzt. Vor Abgeordneten erklärte Sánchez, dass der Regierung bislang keine solide Beweise von Polizei-, Justiz- oder internationalen Institutionen vorliegen, die belegen würden, dass Marokko den Vorfall geplant oder orchestriert habe, wie AFP meldet.
Dieser Haltung steht ein interner spanischer Polizeibericht gegenüber, der von AFP eingesehen wurde. Demnach dokumentiert das Dokument eine völlige Permissivität marokkanischer Sicherheitskräfte, deren Anzahl an den Posten deutlich geringer als gewöhnlich gewesen sei und die den Strom teils direkt ins Wasser gelenkt hätten.
Pedro Sánchez erklärte, dass die Regierung keine soliden Beweise dafür vorliegen habe, dass Marokko den Vorfall geplant oder ausgeführt habe. Sánchez betonte, dass bei Vorliegen solcher Beweise entsprechend handelnd vorgegangen werden würde.
Spanish PM says no 'solid proof' Morocco planned Ceuta
Die marokkanische Regierung hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Das marokkanische Innenministerium führte den plötzlichen Ansturm stattdessen auf die missbräuchliche Nutzung sozialer Medien und die Verbreitung von Falschinformationen zurück. Zugleich sorgten Äußerungen des marokkanischen Justizministers Abdellatif Ouahbi in Marokko für diplomatische Verstimmung in Madrid, da dieser historische Ansprüche auf Ceuta und Melilla geltend gemacht hatte.

Oppositionskritik und geplante königliche Visite
Die konservative und rechtsextreme Opposition in Spanien wirft dem linken Kabinett unterdessen Inkompetenz und politische Unterwürfigkeit gegenüber Rabat vor. Alberto Núñez Feijóo, Anführer der konservativen Volkspartei, forderte Konsequenzen und sprach von einem möglichen Akt hybrider Kriegsführung. Während Analysten den Migrantenansturm als mögliches politisches Druckmittel Marokkos im Zusammenhang mit Spaniens Beziehungen zu Algerien werten, bemüht sich Sánchez nach eigenen Angaben darum, keinen diplomatischen Konflikt zu entfachen.
Zur Beruhigung der Lage in den Exklaven hat die Regierung unterdessen angeregt, dass König Felipe VI. Ceuta und Melilla in den kommenden Wochen besuchen soll. Ein früherer monarchischer Besuch im Jahr 2007 hatte seinerzeit ebenfalls schwere diplomatische Spannungen ausgelöst.