Die Zahl der Bootsmigranten auf dem Weg nach Europa ist im Jahr 2026 um 39 Prozent gesunken, doch die Überfahrten sind deutlich gefährlicher geworden. Laut einem Bericht der Internationalen Organisation für Migration starben oder verschwanden bis Mitte September mindestens 2.292 Menschen auf den Routen.
Die Seeüberfahrten nach Europa verzeichnen im Jahr 2026 einen massiven Rückgang, während die Risiken für die Schutzsuchenden stark gestiegen sind. Das entspricht einem Rückgang von 39 Prozent im Vergleich zu den etwa 98.000 Menschen im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Steigende Todeszahlen auf dem Mittelmeer trotz sinkender Ankünfte
Trotz der rückläufigen Gesamtzahl der Ankünfte hat sich die Sterblichkeit auf dem Wasser drastisch erhöht. Mindestens 2.292 Menschen sind im Jahr 2026 bei dem Versuch gestorben oder vermisst worden, nach Europa zu gelangen, verglichen mit 1.999 Opfern im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Viele von ihnen nutzten überfüllte und für die Seefahrt ungeeignete Boote, die von der libyschen Küste ablegten.
„These figures tell two stories at once.“
Amy Pope, IOM-Generaldirektorin
Die IOM-Generaldirektorin erklärte zu den erhobenen Daten, dass fewer people are arriving by sea in Europe than at this point last year
, während gleichzeitig people are still dying and going missing in alarming numbers trying to reach safety
.
Schleuserrisiken und libysche Küstenwache als tödliche Faktoren
Parallel zu den IOM-Daten beleuchtete auch das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (in seinem Bericht mit dem Titel „Desperate Journeys“) die veränderten Bedingungen auf den Routen. Demnach gehen Menschenschmuggler größere Risiken ein, um ihre Fracht in Richtung Europa zu bringen, weil die libysche Küstenwache zunehmend mehr Boote abfängt.”
Während im vergangenen Jahr noch ein Todesfall auf je 42 Ankünfte kam, liegt das Verhältnis in diesem Jahr bei einem Todesfall auf je 18 Ankünfte. Im Juni spitzte sich die Lage laut UNHCR zeitweise so zu, dass auf jede siebte Ankunft ein Todesfall kam. Allein auf der zentralmediterranen Route gab es in diesem Jahr zehn Vorfälle, bei denen jeweils 50 oder mehr Menschen starben.
„The reason the traffic has become more deadly is that the traffickers are taking more risk, because there is more surveillance exercised by the Libyan coast guards.“
Vincent Cochetel, UNHCR-Sondergesandter für das zentrale Mittelmeer
Cochetel fügte hinzu, dass die Schleuser versuchen, ihre Kosten zu senken, da es sie teurer zu stehen kommt, Migranten länger in ihren Lagern und unter Verschluss zu halten. Libysche Behörden hatten zwischen August des Vorjahres und Juli dieses Jahres 18.400 Menschen abgefangen oder gerettet, was einem Anstieg von 38 Prozent im Vergleich zu den Jahren 2016 und 2017 entspricht.
Regionale Unterschiede an den Küsten Spaniens, Italiens und Griechenlands
Die Entwicklung stellt sich je nach Mittelmeerroute unterschiedlich dar. Ankünfte über das zentrale Mittelmeer, der Hauptverbindung von Nordafrika nach Italien, sanken um mehr als die Hälfte, während die Todeszahlen dort von 844 auf 996 stiegen.
Greece meldete einen geringeren Rückgang der Ankünfte, aber einen steilen Anstieg der Todesopfer von 284 auf 417. In Spanien gingen sowohl die Ankünfte als auch die Gesamtzahlen zurück, dennoch verloren 879 Menschen auf den Routen dorthin ihr Leben oder wurden vermisst.
Hintergründe der Flucht und humanitäre Lage in Nordafrika
Die Mehrheit der Menschen flieht laut IOM vor Krieg und Verfolgung. Befragungen auf der zentralmediterranen Route ergaben, dass wirtschaftliche Not als Hauptgrund genannt wird, gefolgt von Konflikten und gezielter Gewalt. Die Organisation dokumentierte zudem, dass mehr als 104.000 Menschen vor dem Krieg im Jemen sowie vor den Vertreibungen im Libanon und in Syrien geflohen sind.

Neben den Gefahren auf See wachsen auch die Sorgen über die Situation an Land. UNHCR warnt vor Todesfällen in der Wüste auf dem Weg nach Libyen sowie vor den Bedingungen in überfüllten Haftzentren, in die viele abgewiesene Migranten zurückgebracht werden. Die französische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wies darauf hin, dass Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen in der libyschen Hauptstadt Tripolis die Sicherheit der dort eingeschlossenen Menschen weiter gefährden.
Angesichts dieser Entwicklungen fordern internationale Organisationen ein Umsteuern der europäischen Politik. Statt rein restriktiver Maßnahmen und politischer Debatten über die Verteilung von Geretteten verlangt die IOM den Ausbau sicherer und regulärer Migrationswege sowie eine verstärkte Zusammenarbeit, um Ausbeutung und Menschenhandel zu bekämpfen.
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