Eine von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung unter der Leitung von Professor Peter Fonagy warnt vor einer wachsenden Gefahr von Überdiagnosen und Fehldiagnosen bei ADHS und Autismus in England. Der am 9. Oktober 2026 vorgelegte, 607 Seiten umfassende Bericht fordert grundlegende Reformen und eine stärkere Regulierung privater Anbieter.
Wartezeiten und steigende Nachfrage prägen das System
Die Nachfrage nach Abklärungen für neurologische Entwicklungsstörungen ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, während die tatsächlichen Prävalenzraten in der Bevölkerung laut dem unabhängigen Abschlussbericht des Gesundheitsministeriums nicht vollständig erfasst werden können. Die Autoren des Berichts sprechen von einer Kluft zwischen dem tatsächlichen Vorkommen von ADHS und Autismus und dem massiven Anstieg der Menschen, die Hilfe suchen. Ende 2025 verzeichneten britische Stellen mehr als 560.000 offene Überweisungen für ADHS-Untersuchungen – mehr als das Siebzehnfache des Wertes aus dem Jahr 2019. Gleichzeitig warteten im Dezember des vergangenen Jahres über 254.000 Personen auf eine Autismus-Abklärung.
Die Untersuchung macht deutlich, dass das System durch diesen Ansturm extrem unter Druck geraten ist. Der Bericht merkt an, dass die administrative Prävalenz – also die Belastung und Nachfrage bei den Diensten – drastisch nach oben gegangen ist. So stieg die diagnostizierte Autismusrate bei Jungen im Alter von sechs bis elf Jahren von 0,4 Prozent im Jahr 2000 auf 6,3 Prozent im Jahr 2025 an. Der Vize-Vorsitzende des Gremiums, Professor Sir Simon Wessely, erklärte dazu, dass sich das Land von einer Phase der Unterdiagnose an einen tipping point
(Wendepunkt) bewege, an dem auch andere Dynamiken eine Rolle spielen könnten.
Eine von einer Studie ausgesprochene Warnung besagt, dass eine Generation von Kindern Gefahr läuft, mit Autismus oder ADHS überdiagnostiziert zu werden. Schätzungen zufolge haben rund 3,8 Prozent der Fünf- bis Fünfzehnjährigen ADHS und 1,2 Prozent der Fünf- bis Neunzehnjährigen Autismus, wobei vergleichbare Daten für Erwachsene fehlen. Die Überdiagnostik könnte nach Ansicht der Autoren zur Jugendarbeitslosigkeit und zu steigenden Leistungsansprüchen beitragen.

Risiken von Über- und Fehldiagnosen im Alltag
Die meisten Menschen sind bisweilen unaufmerksam, ängstlich oder fühlen sich in sozialen Situationen unwohl. ADHS- oder autismusbedingte Züge zu haben, bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine diagnostizierbare Erkrankung vorliegt.
Als Beispiel nennen die Verfasser Studenten, die unter starker Einsamkeit leiden, aber keine schwere Depression aufweisen, und dennoch Antidepressiva verschrieben bekommen, obwohl eine Stärkung ihres sozialen Netzwerks der bessere Schritt wäre. Zudem könne eine feste Diagnose in bestimmten Fällen Türen verschließen und dazu führen, dass sich Menschen wegen des Etiketts weniger zutrauen.
Die Gutachter weisen zudem darauf hin, dass einige Daten fast ein Jahrzehnt alt sind, weshalb nicht absolut sicher festgestellt werden kann, ob derzeit in großem Stil überdiagnostiziert wird. Gleichzeitig mahnen sie, dass ADHS und Autismus in bestimmten Altersgruppen nach wie vor unterdiagnostiziert werden und dieser Umstand ebenfalls nicht übersehen werden darf.

Kritik an privaten Anbietern und politische Reaktionen
Ein wesentlicher Schwerpunkt des Berichts liegt auf der Rolle der Privatwirtschaft. Private Kliniken führen mittlerweile mehr als die Hälfte aller durch den NHS finanzierten ADHS-Prüfungen sowie ein Drittel der Autismus-Begutachtungen durch. Die Autoren bemängeln eine mangelnde Konsistenz, Qualität und Transparenz in diesem Bereich. So haben sich die Kosten für private ADHS-Leistungen innerhalb von drei Jahren um 252 Prozent erhöht, während Werbung für solche Schnelltests den Druck auf Familien weiter anheizt. Viele Hausärzte hegten Bedenken hinsichtlich der Qualität solcher Untersuchungen und der zugrundeliegenden finanziellen Anreize.
Gesundheitsministerin Yvette Cooper kündigte an, dass die Regierung die Empfehlungen des Berichts in einer neuen Mental-Health-Strategie aufgreifen wird. <a href="https://www.bbc.co.uk/news/articles/crkg7n1ypj24o?
Die Untersuchung von Professor Fonagy hat gezeigt, wie wichtig ein frühzeitiges Eingreifen bei psychischen und neuroentwicklungsspezifischen Erkrankungen ist und wie großen Kummer diese verursachen können.
Gesundheitsministerin Yvette Cooper
Experten wie Thea Stein, Hauptgeschäftsführerin des Nuffield Trust, begrüßten den Vorstoß, warnten jedoch, dass eine Umstellung auf bedarfsgerechte Hilfe nur dann gelingen könne, wenn die entsprechenden Unterstützungsangebote für die Betroffenen auch tatsächlich vorhanden sind.
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