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Bern erhält nationale Gedenkstätte Unfolded Minute für Nazi-Opfer

Die Schweiz erhält bis Ende 2027 in Bern eine nationale Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Das Siegerprojekt Unfolded Minute umfasst eine 60 Meter lange Klangwand auf der Casinoterrasse, die eine gefaltete Landesgrenze symbolisiert und an die historische Schweizer Flüchtlingspolitik erinnern soll.

Mitten in der Berner Altstadt, in unmittelbarer Nähe zum Bundeshaus, soll in rund zwei Jahren das erste offizielle nationale Memorial für die Opfer des Zweiten Weltkriegs entstehen. Vorgestellt wurde das Siegerprojekt am Dienstag nach einer internationalen Ausschreibung, die im Juni 2025 mit elf zugelassenen Teams gestartet war, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet. Die Realisierung geht auf einen Beschluss des Bundesrates aus dem Jahr 2023 zurück, der nach zwei einstimmig angenommenen parlamentarischen Motionen 2,5 Millionen Franken für das Vorhaben sprach.

Das Konzept von «Unfolded Minute» auf der Casinoterrasse

Das von einem interdisziplinären Team entworfene Denkmal trägt den Namen Unfolded Minute und besteht im Kern aus einer aus Metall gefertigten, rund 55 bis 60 Meter langen und etwa zwei Meter hohen geknitterten Wand. Die Struktur symbolisiert die Schweizer Aussengrenze, die gedanklich glattgezogen und dann aufgefaltet wurde. Es dauert etwa eine Minute, diese Strecke im Spaziergang abzulchreiten.

Entwickelt wurde das Projekt gemeinsam von den Historikerinnen Isabel Koellreuter und Franziska Schürch, der Künstlerin Rahel Zaugg, den Architektinnen Andrea Steegmüller und Salomé Gutscher sowie dem Komponisten Jannik Giger. Letzterer hat eine abstrakte und unendliche Melodie konzipiert, die in unregelmässigen Abständen aus Einkerbungen in der Metallwand erklingt. Jannik Giger spricht dabei von einer umgekehrten Schweigeminute, bei der jede Klangminute ein anderes anonymes Opfer des Nationalsozialismus würdigen soll.

Auseinandersetzung mit der historischen Flüchtlingspolitik

Hinter der symbolischen Gestaltung der Grenzwand steht eine kritische Aufarbeitung der Schweizer Rolle im Zweiten Weltkrieg. Die Landesgrenze bildet den historischen Schauplatz jener Zeit, als offizielle Schweizer Behörden eine restriktive Flüchtlingspolitik umsetzten, infolge derer viele verfolgte Menschen an der Grenze abgewiesen und in den Tod geschickt wurden. Bundesrat Ignazio Cassis betonte bei der Präsentation die bleibende Relevanz dieses Gedenkens.

Der Anstoss zu dieser nationalen Gedenkstätte kam ursprünglich von der Auslandschweizer-Organisation, die bei einem Kongress im Jahr 2018 beschloss, die Schweizer Opfer des Zweiten Weltkriegs zu ehren, und sich daraufhin mit dem Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebund zusammenschloss. Das Vorhaben unterscheidet sich grundlegend von den bestehenden über 1100 Denkmälern in der Schweiz, die sich meist mit vaterländischer Kriegergeschichte oder Persönlichkeiten befassen und traditionell von zivilen Vereinen getragen wurden.

Vermittlung und Kritik am Konzept der Klangskulptur

Neben der Klangwand sieht das Konzept ein rundes Forum vor, in dem Veranstaltungen und Vermittlungsformate stattfinden können. Zwei Bildschirme am Rand des Areals sollen Kurzbiografien von bisher wenig bekannten Opfern zeigen, die durch das Scannen von QR-Codes mit vertiefenden Informationen im Internet verknüpft werden. Ziel ist es, jene zu zeigen, die nicht in den Geschichtsbüchern auftauchen, erläuterte Franziska Schürch vom Siegerteam.

Bern erhält nationale Gedenkstätte Unfolded Minute für Nazi-Opfer
Photo: nzz.ch

Fachleute bewerten den minimalistischen Ansatz durchaus unterschiedlich. Der deutsche Pädagoge und Historiker Gottfried Kössler, der jahrelang am Fritz-Bauer-Institut gearbeitet hat, würdigte das Projekt als einen durchdachten und emotional zugänglichen Beitrag. Zugleich merkte er kritisch an, dass die Klangwand das historische Thema nicht aus sich heraus erkläre und wegen des beschränkten Raums in Bern viel Kontext ins Internet ausgelagert werden müsse, wie SRF berichtet.

Erinnerungskultur im Landesvergleich und in Diepoldsau

Die Gedenkstätte in Bern ist Teil einer breiteren Entwicklung in der helvetischen Erinnerungskultur. So ist im sankt-gallischen Diepoldsau ein weiteres Projekt am historischen Zollhaus geplant, das voraussichtlich ab 2029 nach einer Umnutzung zugänglich sein wird. An diesem Grenzübergang versuchten während des Krieges Tausende jüdische Flüchtlinge die Einreise; mindestens 24 000 Personen wurden damals abgewiesen.

Bern erhält nationale Gedenkstätte Unfolded Minute für Nazi-Opfer
Photo: 20min

Der dortige Polizeikommandant Paul Grüninger hatte damals Dienstanweisungen ignoriert und Dokumente gefälscht, um hunderten Menschen das Leben zu retten, wurde jedoch entlassen und erst in den neunziger Jahren posthum rehabilitiert. Während das Memorial in Bern voraussichtlich Ende 2027 fertiggestellt sein soll, markiert das Zollhausprojekt in Diepoldsau einen weiteren Schritt zur institutionellen Aufarbeitung der Schweizer Grenzgeschichte.

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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

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