Audacity 4.0 ist da und bringt die bisher größte Verwandlung in der Geschichte des Audioprogramms mit einer Qt-basierten Benutzeroberfläche, einem clipzentrierten Bearbeitungsmodell und flexiblen Workspaces. Die Open-Source-Software führt außerdem das neue Projektformat .aup4 ein und modernisiert die Wiedergabe sowie die Geräteverwaltung.
Nach Jahren der Entwicklung hat die Audacity-Entwicklergemeinschaft eine von Grund auf neu gestaltete Version des bekannten Open-Source-Audio-Editors veröffentlicht. Das Update markiert einen tiefgreifenden Einschnitt in der Geschichte der Software, die weltweit als eines der populärsten kostenlosen Werkzeuge für Tonaufnahmen, Podcasts und Musikproduktion gilt. Neben einer optischen Frischzellenkur bringt das Release zahlreiche funktionale Neuerungen mit sich, die den Umgang mit Audiospuren deutlich flexibler gestalten sollen.
Das neue Qt-Interface und anpassbare Workspaces in Audacity 4.0
Die offensichtlichste Neuerung betrifft die Benutzeroberfläche, die komplett auf das Qt-Framework umgestellt wurde und nun natives HiDPI-Rendering unterstützt. Durch diesen Unterbau unterscheidet sich die Optik deutlich von der bisherigen 3.x-Generation. Anwender können Werkzeugleisten und Bedienfelder verschieben, andocken, ausblenden oder frei anordnen. Diese Layouts lassen sich als sogenannte Workspaces abspeichern und rasch wechseln, wobei standardmäßig moderne, klassische sowie musikalische Layouts bereitstehen.
Zusätzlich stehen verschiedene Farbthemen von hell bis dunkel, kontrastreiche Ansichten sowie konfigurierbare Akzent- und Spurfarben zur Auswahl. Auch die Clip-Darstellung lässt sich optisch anpassen. Wer die Software herunterladen möchte, kann dies über offizielle Kanäle tun; so weist der Entwickler darauf hin, dass die Distribution unter anderem über MuseHub erfolgt, was zusätzliche virtuelle Instrumente und Effekte einbindet.
Ein neues clipzentriertes Bearbeitungsmodell und das Format .aup4
Unter der Haube geht die Evolution noch weiter. Das Redesign ersetzt das bisherige Bedienkonzept durch ein clipfokussiertes Modell. Clips werden nun über ihre Kopfzeilen ausgewählt, wobei Mehrfachausdrücke für gleichzeitige Bearbeitungen möglich sind. Operationen wie das Verschieben, Trimmen oder Zeitdehnen lassen sich auf mehrere Clips parallel anwenden. Zudem können Audioteile gruppiert werden, damit sie bei Kopiervorgängen oder Verschiebungen zusammenbleiben.
Die Platzierung verhält sich deutlich weniger starr als zuvor. Clips lassen sich zwischen Mono- und Stereospuren bewegen; beim Übereinanderziehen wird der überlappende Teil automatisch ersetzt, statt den Vorgang zu blockieren. Auch das Schneiden wurde überarbeitet: Das Halten der S-Taste aktiviert das Werkzeug zum Zerteilen, während Befehle für Split-Cutting, Split-Deleting sowie das Aufteilen an Stille-Momenten bereitstehen.
Ein zentraler technischer Wechsel betrifft das Speicherformat. Projekte werden nun im neuen Format .aup4 gesichert. Bestehende .aup3-Dateien lassen sich zwar automatisch öffnen und konvertieren, allerdings ist ein Rückschritt auf das alte Format nach der Umwandlung ausgeschlossen. Ältere .aup-Dateien können weiterhin importiert werden.
Veränderte Werkzeuge und plattformspezifische Unterstützung
Ältere Modi wie das Auswahl-, Hüllkurven-, Zeichen- und das Mehrfachanzeigewerkzeug sind in der neuen Version entfallen. Ihre Funktionen arbeiten stattdessen kontextsensitiv, ohne dass ein ständiger manueler Werkzeugwechsel nötig ist. Auch die Sync-Lock-Funktion wurde durch explizite Bearbeitungsoperationen ersetzt, die Wahlweise Lücken hinterlassen oder nachfolgende Audioelemente im Takt verschieben.

Der Playhead bleibt nun während der Navigation sichtbar und lässt sich direkt an eine neue Position ziehen, ohne dass die Wiedergabe unterbrochen werden muss. Auf Windows-Systemen unterstützen offizielle Builds zudem ASIO für Wiedergabe und Aufnahme. Die Plugin-Architektur deckt je nach Betriebssystem VST3, Nyquist, LV2 auf Linux sowie Audio Units auf macOS ab. Für Plugins ohne eigene Benutzeroberfläche generiert die Software automatisch passende Regler.
Noch nicht übertragene Funktionen und kommende Schritte
Das umfangreiche Update bedeutet allerdings auch, dass einige bisher gewohnte Elemente vorerst fehlen. Die Entwickler weisen darauf hin, dass Zeitspuren, Note- oder MIDI-Spuren, der Mixer, der Makro-Manager, Skripting-Pipes sowie VAMP- und LADSPA-Plugin-Hosting in der Erstversion von Audacity 4.0 noch nicht verfügbar sind. Auch bestimmte Export- und Rendering-Funktionen sowie diverse Analysewerkzeuge und Effekte müssen vorerst pausieren, während die Arbeit an deren Rückkehr in künftigen Aktualisierungen bereits läuft.
Die Software steht für Linux, macOS und Windows bereit, wobei Quellcode und kompilierte Versionen über die Projekteseite auf GitHub verteilt werden.
Weiterlesen