Die Gemeinde Großpetersdorf im Bezirk Oberwart veröffentlichte am 22. Mai 2026 konkrete Asbest-Messwerte einer betroffenen Schotterstraße, die eine extreme Spannweite von 95 bis 13.000 Fasern pro Kubikmeter Luft aufzeigen. Während die Behörden die hohen Werte als künstlich provozierten Worst-Case bezeichnen, verschärft der Vorfall die regionale Asbest-Krise zwischen Österreich und Ungarn.
Der Fall Großpetersdorf ist symptomatisch für eine tiefere strukturelle Problematik im Burgenland. Es geht hier nicht nur um eine einzelne Straße, sondern um die Frage, wie mit belastetem Material umgegangen wird, das bereits in die Infrastruktur eingearbeitet wurde. Die nun vorgelegten Zahlen der Taskforce des Landes Burgenland versuchen, die öffentliche Wahrnehmung zwischen „akuter Gefahr“ und „kontrollierbarer Situation“ zu steuern.
Die Messwerte aus Großpetersdorf: Zwischen Extremfall und Alltag
Auf einer etwa 1,2 Kilometer langen Schotterstraße am Ortsrand von Großpetersdorf wurden drei unterschiedliche Messungen durchgeführt, die laut ORF Burgenland ein sehr differenziertes Bild der Belastung zeichnen. Der entscheidende Referenzpunkt ist dabei der von der Taskforce festgelegte Grenzwert von 1.000 Fasern pro Kubikmeter.

- 10. Februar: Bei feuchter Witterung wurden lediglich 95 Fasern pro Kubikmeter gemessen – weit unter dem Grenzwert.
- 7. Mai: Ein gezielter Test unter Extrembedingungen, der ein hohes Staubaufkommen simulieren sollte, ergab rund 13.000 Fasern pro Kubikmeter. Die Taskforce bezeichnete dies als „Worst-Case-Messung“.
- 19. Mai: Eine Messung unter „realen Bedingungen“ ergab einen Durchschnittswert von 300 Fasern pro Kubikmeter.
Die Diskrepanz zwischen den Werten ist massiv. Während die 13.000 Fasern ein Vielfaches des Grenzwerts darstellen, betonen die Behörden, dass dieses Staubaufkommen deutlich über den üblichen Alltagsbedingungen lag. Wie der Kurier berichtet, liegt die Ursache in der Verwendung von Fräsmaterial bzw. recyceltem Material, das auf mechanische Einwirkungen anders reagiert als klassische Schotteroberflächen.
Um die Fasern am Boden zu binden, wird die Straße bei Trockenheit bewässert. Langfristig planen Gemeinde und Taskforce eine Asphaltierung oder das Aufbringen einer Spritzgussdecke, um die Oberfläche dauerhaft zu versiegeln.
Diplomatischer Streit um den Steinbruch Rechnitz
Die lokale Problematik in Großpetersdorf überschattet eine weitaus größere politische Auseinandersetzung. Der ungarische Premierminister Peter Magyar warf der österreichischen Seite vor, dass im Burgenland ein fünfter asbestbelasteter Steinbruch weiterhin in Betrieb sei. Im Zentrum dieses Vorwurfs steht der Steinbruch in Rechnitz.

Das Land Burgenland und die Bezirkshauptmannschaft Oberwart widersprachen diesen Vorwürfen entschieden. Andreas Temmel von der Asbest-Taskforce betonte, dass im Steinbruch Rechnitz in der Vergangenheit keine erhöhten Asbestwerte gemessen wurden und alle Grenzwerte eingehalten werden. Dies unterscheidet den Standort von den vier bereits behördlich gesperrten Steinbrüchen Rumpersdorf, Badersdorf, Bernstein und Pilgersdorf.
Für die Betroffenen vor Ort ist die Situation dennoch prekär. Thomas Freingruber, der Betreiber des Rechnitzer Steinbruchs, sprach von einer sehr belastenden Situation für sich und seine 24 Mitarbeiter. Trotz der Bestätigung durch Bezirkshauptmann Peter Bubik, dass Messungen im März keine Grenzwertüberschreitungen zeigten, bleibt die politische Spannung hoch. Eine zwischen Kanzler Christian Stocker und Premier Magyar vereinbarte Arbeitsgruppe soll die Causa ab Montag bearbeiten.
Grenzüberschreitende Gefahr: Die Situation in Szombathely
Die Asbest-Problematik ist kein rein österreichisches Phänomen, sondern ein regionales Cluster, das sich bis nach Ungarn erstreckt. In der Stadt Szombathely berichtet Vizebürgermeister László Győző von einer erheblichen Belastung, insbesondere auf einer 17 Kilometer langen Schotterstraße in einem Stadtteil, der derzeit entwickelt wird.
Die Maßnahmen in Ungarn sind bereits drastischer als in Großpetersdorf. Neben Verkehrsbeschränkungen und Sperren werden die Straßen mit Wasser oder Kalziumchlorid benetzt. Weitere Optionen seien die Abdeckung des Schotters oder eine Versiegelung mit Bitumen. Die Stadt Szombathely bereitet zudem die Ausrufung eines Gesundheitsnotstands vor und hat bereits Anzeige erstattet. Győző kritisierte dabei, dass die Auskünfte der österreichischen Behörden bisher kaum befriedigend gewesen seien.
Die medizinische Dringlichkeit wird durch die Lungenfachärztin Edit Hidvégi untermauert. Asbestfasern, die über die Atemluft in die Lunge gelangen, können sich im Gewebe und in den Schleimhäuten festsetzen. Da sie nicht ausgeschieden werden können, führen sie langfristig oft zu chronischen Entzündungen, Lungenfibrose oder bösartigen Tumoren.
Greenpeace fordert Bundes-Krisenstab und Deponielösungen
Angesichts der Funde im Burgenland, in der Steiermark, Niederösterreich und Ungarn fordert Greenpeace eine massive Eskalation der staatlichen Antwort. Die Organisation plädiert für die Einrichtung eines Krisenstabs auf Bundesebene sowie die Schaffung spezialisierter Entsorgungsstellen.

Stefan Stadler, Sprecher von Greenpeace, via <a href="https://www.sn.
Stadler weist darauf hin, dass die vier gesperrten burgenländischen Steinbrüche jährlich rund eine Million Tonnen asbesthaltiges Gestein produzierten. Die Menge an bereits ausgebrachtem Material sei entsprechend gewaltig. Greenpeace schlägt daher vor, die gesperrten Steinbrüche direkt als Deponien umzufunktionieren. Zudem fordert die Organisation einen Hilfsfonds oder die Öffnung des Katastrophenfonds, um Privatpersonen und Gemeinden bei der Sanierung finanziell zu unterstützen.
Die politische Umsetzung scheitert derzeit jedoch an rechtlichen Hürden. Wie die Kronen Zeitung berichtet, verweist Landesrat Amesbauer in der Steiermark darauf, dass der Bundesgesetzgeber zuständig sei. Es fehle an verbindlichen gesetzlichen Grenzwerten für Asbest in der Luft, was einen einheitlichen Prüfmaßstab verhindere. Zudem gebe es rechtliche Grenzen beim Eingriff in privates Eigentum, etwa wenn Privatpersonen in Hartberg dazu verpflichtet werden sollen, belasteten Schotter zu entfernen.
Die Situation in Großpetersdorf ist damit nur die Spitze eines Eisbergs. Während lokale Behörden mit Bewässerung und Asphaltierung reagieren, bleibt die systemische Frage unbeantwortet: Wo landet das Material, wenn die Deponiekapazitäten fehlen und die gesetzlichen Grundlagen lückenhaft sind?