Der ehemalige katholische Priester Anthony Odiong wurde am 29. Mai 2026 in Waco, Texas, wegen sexuellen Missbrauchs von Gemeindemitgliedern verurteilt. Nur wenige Stunden nach dem Urteil entfernte die Our Lady of Guadalupe-Kapelle in Luling, Louisiana, seinen Namen von den Gebäuden, während die Namen seiner Opfer dort weiterhin eingraviert bleiben.
Die Geschwindigkeit, mit der die Institutionen auf das Urteil reagierten, ist bezeichnend. In Luling wurde das Erbe eines Mannes, der sich jahrelang als geistlicher Führer inszenierte, buchstäblich mit schwarzem Klebeband überdeckt. Es ist ein symbolischer Akt der Distanzierung, der jedoch die tiefe Wunde hinterlässt, die Odiong bei seinen Opfern verursacht hat.
Das Urteil in Waco: Lebenslange Haft droht
Eine Jury im 19. Bezirksgericht von Texas benötigte lediglich zwei Stunden für ihre Beratungen, um den 57-jährigen nigerianischen Staatsbürger für schuldig zu sprechen. Wie KWTX berichtete, wurde Odiong in drei Anklagepunkten des sexuellen Übergriffs verurteilt – ein Mal als schweres Verbrechen ersten Grades und zweimal als Verbrechen zweiten Grades.

Die rechtlichen Konsequenzen sind massiv. Für die Anklage ersten Grades droht Odiong eine lebenslange Haftstrafe, während die beiden weiteren Punkte mit bis zu 20 Jahren Gefängnis belegt werden können. Der Unterschied in der Strafhöhe ergibt sich aus der Tatsache, dass eines der Opfer zum Zeitpunkt der Taten verheiratet war, was das Gesetz in Texas als erschwerenden Umstand wertet.
Odiong befand sich bereits seit 662 Tagen im McLennan County Jail unter einer Kaution von 5,5 Millionen US-Dollar. Während des Prozesses mussten die Staatsanwälte einige Anklagepunkte fallen lassen, unter anderem weil eine Zeugin kurz vor ihrer Aussage spurlos verschwand.
Die Auslöschung in Luling: Schwarzes Klebeband über dem Vermächtnis
In Louisiana ist das Bild eine andere Art der Abrechnung. Die Our Lady of Guadalupe-Heilungskapelle, die Odiong im Jahr 2020 eröffnete, war einst sein Stolz. Er hatte schätzungsweise 600.000 US-Dollar gesammelt, um dieses Gebäude zu errichten, während er als Pastor der benachbarten St. Anthony of Padua Kirche tätig war.

Wie The Guardian schildert, wurden die Inschriften seines Namens unmittelbar nach der Verurteilung in Texas mit schwarzem Klebeband überdeckt. Besonders bitter: Während Odiongs Name verschwindet, bleiben die Namen hunderter Spender auf den Tafeln stehen – darunter auch die von zwei Frauen, die laut texanischen Staatsanwälten selbst Opfer von Odiongs Missbrauch wurden.
Diese Worte, die einst für Hingabe standen, wirken nun wie ein Hohn angesichts der Vorwürfe, dass Odiong seine spirituelle Autorität gezielt ausnutzte, um gläubige Gemeindemitglieder sexuell zu manipulieren.
Ein systematisches Muster: Von Texas nach Louisiana
Der Fall Odiong ist kein isoliertes Ereignis, sondern das Ergebnis eines jahrelangen Musters. Die Verurteilung in Texas bezog sich auf Taten, die zwischen 2008 und 2011 begangen wurden. Um die Verjährungsfrist von zehn Jahren zu umgehen, musste der Staat nachweisen, dass Odiong mindestens fünf Frauen missbraucht hatte.
Die geografische Reichweite seines Handelns ist alarmierend. Odiong war in Waco, West, Louisiana, Florida und weiteren Orten tätig. Ein Bericht von KXXV verdeutlicht, dass er zwischen 2007 und 2012 am St. Peters Catholic Student Center in Waco sowie in der St. Mary’s of the Assumption in West diente.
Die Grausamkeit seines Vorgehens zeigt sich in den Details: Odiong vaterte in Luling, Louisiana, ein Kind mit einer Gemeindemitglied an. Die Staatsanwaltschaft verglich sein Verhalten während des Prozesses mit dem eines Pädophilen, der als Kindergartenlehrer arbeitet – ein Missbrauch des Vertrauens an der vulnerabelsten Stelle.
Kirchliche Versäumnisse und die Rolle der Macht
Die institutionelle Reaktion der Kirche erfolgte schleppend. Erst Ende 2023 suspendierte die Erzdiözese von New Orleans Odiong vom öffentlichen Dienst. Auslöser waren nicht nur die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs, sondern auch eine Reihe von anti-LGBTQ+-Kommentaren, die er gegenüber seiner Gemeinde geäußert hatte – und das zu einem Zeitpunkt, an dem die globale katholische Führung eine inklusivere Kirche anstrebte.

Die juristische Aufarbeitung in Texas markiert nun den Wendepunkt. Die Staatsanwältin Liz Buice machte in ihrem Plädoyer deutlich, dass die Zeit der Ausflüchte vorbei ist.
Was bleibt, ist eine Gemeinschaft in Luling, die mit dem Verrat ihres ehemaligen Pastors leben muss. Die Entfernung des Namens an der Kapelle ist ein notwendiger Schritt, aber sie heilt nicht die Traumata der Frauen, deren Namen immer noch neben dem eines Mannes stehen, der sie zerstört hat. Die kommenden Tage der Strafzumessung werden entscheiden, ob Odiong den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringt oder ob er, wie von seiner Verteidigung gefordert, eine Bewährung erhält.