Ein über ein Jahrhundert ungelöster deutscher Militärfunkspruch aus dem Ersten Weltkrieg ist nach Angaben eines Bloggers mithilfe künstlicher Intelligenz entschlüsselt worden. Das OpenAI-Modell GPT-6 Astra entzifferte die Nachricht vom 27. November 1918 mithilfe des Schlüsselworts Truppenverschiebung
, wobei britische Logbücher den Inhalt stützen.
Mehr als hundert Jahre lang galt die Nachricht als unlesbar. Nun will ein Autor, der unter dem Namen prinz
in einem Blog schreibt, das Rätsel um die historische Chiffre gelöst haben. Zum Einsatz kam dabei nach seinen Angaben das KI-Modell GPT-6 Astra von OpenAI, wie 20min berichtete.
Das ADFGVX-Verfahren und das historische Schlüsselwort
Der betroffene Funkspruch gehört zu einer Serie von Nachrichten, die das deutsche Militär im Ersten Weltkrieg mit dem sogenannten ADFGVX-Verfahren verschlüsselt hatte. Bei dieser Methode wird eine Sechs-mal-Sechs-Matrix verwendet, deren Achsen mit den Buchstaben A, D, F, G, V und X beschriftet sind. Daraus ergeben sich 36 Stellen für das Alphabet und zehn Ziffern.
Zusätzlich kam ein geheimes Schlüsselwort zum Einsatz, das regelmässig ausgetauscht wurde. Das KI-Modell nutzte für den Durchbruch den Begriff Truppenverschiebung
, der in einem historischen Buch von J. Rives Childs über deutsche Militärchiffren der Jahre 1914 bis 1918 dokumentiert ist. Laut der KI scheiterten frühere Entschlüsselungsversuche daran, dass dieses Kennwort offiziell erst ab dem 9. Dezember 1918 in Gebrauch gewesen sein soll — während der nun entschlüsselte Funkspruch fast zwei Wochen früher versendet wurde.
Der entschlüsselte Text und der Abgleich mit britischen Logbüchern
Laut dem Blogbeitrag lautet der entzifferte Klartext: EIN ENGLISCHER KREUZER EINLIEG X SEWASTOPOL X S4STEN X EIN GESCHWADER DER X ALLIIERTEN FOLGT 26STEN X
. Die einzelnen Satzteile werden dabei durch den Buchstaben X getrennt. Inhaltlich meldet die Nachricht, dass ein englischer Kreuzer in Sewastopol auf der Krim eingelaufen sei und ein alliiertes Geschwader am 26. folge. An der ersten Ziffer des Ankunftstages steht im Text anstelle einer Zahl der Buchstabe S, weshalb lediglich die 4 lesbar ist.
Um das Ergebnis zu verifizieren, glich die KI den Text mit historischen Aufzeichnungen ab. Wie T-Online berichtet, deckt sich die Meldung mit dem Logbuch des britischen Kreuzers HMS Canterbury
. Demnach erreichte das Schiff Sewastopol am 24. November 1918, während zwei Tage später die Ankunft des alliierten Geschwaders vermerkt wurde.
Einordnung in die Liste ungelöster Chiffren
Die nun entschlüsselte Nachricht befand sich auf einer Liste von 50 ungelösten Chiffren, die vom deutschen Wissenschaftsportal scienceblogs.de geführt wird. Zwar sind Hunderte solcher historischen Funksprüche im Laufe der Zeit bereits von Kryptologen wie George Lasry entziffert worden, doch über ein Dutzend blieb bislang hartnäckig verschlossen.
Eine offizielle Prüfung oder Gegenprüfung der aktuellen KI-Entschlüsselung durch unabhängige Fachleute für historische Chiffren liegt bislang jedoch nicht vor.