Israel hat Ausschreibungen für 1.234 neue Wohneinheiten im umstrittenen E1-Gebiet im besetzten Westjordanland gestartet. Das Projekt droht das palästinensische Gebiet physisch zu teilen und stößt international auf scharfe Kritik. Während Großbritannien Sanktionen verhängte, reagierte die israelische Regierung mit diplomatischen Gegenmaßnahmen und der Schließung des britischen Konsulats in Ost-Jerusalem.
Die israelische Regierung hat den Ausbau des strategisch bedeutsamen Siedlungsprojekts im sogenannten E1-Gebiet östlich von Jerusalem vorangetrieben. Die Ausschreibungen umfassen den Bau von 1.234 neuen Wohneinheiten in dem besetzten Gebiet. Menschenrechtsorganisationen und internationale Beobachter warnen, dass das Vorhaben das Westjordanland physisch in zwei Hälften spalten und die territoriale Integrität eines künftigen palästinensischen Staates unmöglich machen würde.
Das E1-Projekt und die Folgen für die territoriale Integrität
Das E1-Projekt – kurz für „East 1“ – zielt darauf ab, eine zusammenhängende israelische Siedlungsachse zwischen dem besetzten Ost-Jerusalem und der großen Siedlung Ma’ale Adumim zu schaffen. Die Pläne sehen vor, Ma’ale Adumim mit rund 3.400 neuen Siedlungshäusern auf einer Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern auszudehnen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wie Ir Amim wurden die Ausschreibungen trotz eines laufenden Gerichtsverfahrens veröffentlicht, das die Zukunft des Projekts hätte bestimmen können.”
Zudem erklärte Ubai al-Aboudi von Al Jazeera, das Projekt mache die Errichtung eines palästinensischen Staates unmöglich. Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte hat das E1-Vorhaben zuvor als schwerwiegenden und unrechtmässigen Schritt zur Festigung der Annexion bezeichnet. Die Pläne für das Gebiet reichen bis in die 1990er Jahre zurück, wurden jedoch über Jahrzehnte hinweg durch internationalen Druck und Bedenken westlicher Regierungen immer wieder auf Eis gelegt.
Politische Rahmenbedingungen unter der Regierung Netanyahu
Die erneute Belebung des Projekts erfolgt in einem politischen Umfeld, das durch die Rückkehr von US-Präsident Donald Trump in das Weiße Haus im Januar 2025 und den Einfluss rechtsprechter Parteien in der Regierung von Premierminister Benjamin Netanyahu begünstigt wird. Finanzminister Bezalel Smotrich, der als zusätzlicher Minister im Verteidigungsministerium auch die Siedlungsverwaltung beaufsichtigt, hat die Errichtung des E1-Gebiets direkt mit der Verhinderung eines palästinensischen Staates verknüpft. Bei früheren Fortschritten erklärte Smotrich, das Vorhaben begrabe die Idee eines palästinensischen Staates.
Im März 2025 stellte Israel 335 Millionen Schekel (entsprechend 92 Millionen US-Dollar) für den Bau einer sogenannten Sovereignty Road
bereit. Diese Straße soll palästinensischen Verkehr um das E1- und Ma’ale Adumim-Gebiet herum auf eine separate Route umleiten. Zur Vorbereitung dieses Straßenbaus rissen israelische Behörden im Mai 2026 rund 50 palästinensische Geschäfte am östlichen Eingang von al-Eizariya ab.
Britische Sanktionen und israelische Gegenmaßnahmen
Die israelischen Schritte im Westjordanland haben internationale Reaktionen ausgelöst. Der britische Premierminister Andy Burnham kündigte am Dienstag, dem 8. September, Sanktionen gegen Einzelpersonen und Organisationen an, die am Bau von Siedlungen im Westjordanland beteiligt sind. Zu den Ländern, die den Schritt der britischen Regierung unterstützten, gehören Kanada, Dänemark, Finnland und Frankreich.

Washington war nach Angaben von zwei mit der Sache vertrauten Quellen vorab von London über den Schritt informiert worden. Berichten zufolge übte US-Präsident Donald Trump bei den Vorgesprächen keinen Druck auf die britische Seite aus, ihren Kurs zu ändern.
Marco Rubio, US-Aussenminister, fügte hinzu, man sei sich bewusst gewesen, dass diese Entscheidung getroffen werde. Man habe sich ihre Argumente bezüglich der Gründe angehört, teile das Ziel der Stabilität und wolle in einer angespannten Zeit in der Region keinen Anstieg von Gewalt oder Spannungen im Westjordanland sehen. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, kritisierte die britischen Sanktionen hingegen scharf und bezeichnete die Entscheidung der britischen Regierung gegenüber der BBC als discrimination against the Jewish people
. Das Weiße Haus distanzierte sich daraufhin von diesen Äußerungen und betonte laut Axios, Huckabees Bemerkungen seien nicht mit dem Weißen Haus oder dem Außenministerium koordiniert gewesen.
Als Reaktion auf die britischen Sanktionen ergriff die israelische Regierung ihrerseits drastische Gegenmaßnahmen. Israel kündigte die Schließung des britischen Konsulats in Ost-Jerusalem an, das die Beziehungen zur Palästinensischen Autonomiebehörde betreut. Darüber hinaus wurden britische Diplomaten und Militäroffiziere ausgewiesen, die einer von den USA geleiteten Gaza-Taskforce angehörten, und eine britische Militärausbildungsmission im Westjordanland wurde beendet.
Zeitplan und offene Fragen vor den Wahlen
Die Frist für die Abgabe von Geboten für die aktuellen E1-Tender endet am 19. Oktober. Dieser Termin liegt nur acht Tage vor den israelischen Parlamentswahlen, die für den 27. Oktober angesetzt sind. Ob die eingeleiteten Ausschreibungen trotz des internationalen Drucks und der anhaltenden rechtlichen Auseinandersetzungen endgültig in die Bauphase übergehen, bleibt angesichts der bevorstehenden Wahlen und der diplomatischen Spannungen ungewiss.

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