Entgegen der weitverbreiteten Annahme von einer festen Persönlichkeit zeigt eine Untersuchung an über 166.000 Menschen aus vier Ländern, dass sich Charaktermerkmale im Laufe des Lebens deutlich wandeln. Besonders die Gewissenhaftigkeit verändert sich zwischen dem 15. und 90. Lebensjahr stärker als das Selbstwertgefühl oder die Lebenszufriedenheit, wie das Fachjournal Communications Psychology berichtet.
Wer schüchtern, chaotisch oder extrovertiert ist, bleibt das oft ein Leben lang – so lautet ein weitverbreitetes Urteil im Alltag. Doch dieser Glaube an ein unveränderliches inneres Wesen trügt. Eine Auswertung von acht großen Langzeitdatensätzen aus Deutschland, den USA, Australien und den Niederlanden widerlegt die Vorstellung, dass unsere Persönlichkeit starr bleibt. In die Untersuchung flossen die Angaben von insgesamt 166.971 Menschen ein, wie unter anderem WELT berichtet.
Wie sich die Big Five im Laufe des Lebens verändern
Im Zentrum der Wissenschaftler standen die sogenannten Big Five
, das in der Psychologie gängigste Raster zur Beschreibung der Persönlichkeit. Dazu gehören Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für neue Erfahrungen. Über die Jahrzehnte hinweg zeigen diese Merkmale eine klare Dynamik, die über das bloße Altern hinausgeht.
Mit den Jahren nehmen Extraversion, Neurotizismus und Offenheit im Durchschnitt ab. Das bedeutet, dass Menschen im Alter ruhiger, emotional stabiler und weniger neugierig auf völlig neue Reize werden. Der Rückgang beim Neurotizismus – der emotionalen Anfälligkeit für Sorgen und negative Gedanken – liegt zwischen dem 15. und 90. Lebensjahr bei 0,40 Standardabweichungen. Bei der Extraversion sind es sogar 0,78 Standardabweichungen, wie Berliner Zeitung ausführt.
Demgegenüber steigen Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit an. Menschen werden mit zunehmendem Alter kooperativer und verlässlicher. Besonders die Gewissenhaftigkeit schlägt dabei kräftig zu Buche. Zählt man sämtliche Bewegungen dieses Merkmals über den gesamten Zeitraum von 75 Jahren zusammen, landet die Gewissenhaftigkeit auf Platz fünf unter insgesamt 32 untersuchten Lebensmerkmalen.
Der systematische Irrtum bei der Selbsteinschätzung
Um herauszufinden, wie stark dieser Wandel unterschätzt wird, befragte ein Forschungsteam um Amanda J. Wright im Vorfeld 887 repräsentativ ausgewählte Erwachsene in den USA. Die Studienteilnehmer sollten einschätzen, wie stark sich 25 bis 32 verschiedene Merkmale zwischen dem 15. und 90. Lebensjahr verändern – darunter Einkommen, Schlafdauer, Selbstwertgefühl und die Big Five.
Während die Befragten bei Faktoren wie Einkommen oder Gesundheit nah an den realen Werten lagen, verschätzten sie sich bei der Persönlichkeit massiv. Sie hielten den Charakter für den mit Abstand stabilsten Bereich überhaupt. Von den sieben Merkmalen, die sie für am unbeweglichsten hielten, stammten fünf aus den Big Five. Am stärksten überschätzten sie die Beständigkeit von Geselligkeit und der Neigung zu Sorgen.
In der Realität bewegt sich die Gewissenhaftigkeit jedoch stärker als das Selbstwertgefühl, die Einsamkeit oder die allgemeine Lebenszufriedenheit. Im Vergleich aller 32 untersuchten Größen schlagen lediglich die Häufigkeit sozialer Kontakte, das persönliche Einkommen, gesundheitliche Einschränkungen und die Schlafdauer stärker aus als die Gewissenhaftigkeit.
Warum wir den Wandel unseres Charakters leugnen
Für die Fehlwahrnehmung machen die Studienautoren tief verankerte kulturelle Muster verantwortlich. Redewendungen wie Bleib dir selbst treu
suggerieren seit Generationen einen unveränderlichen inneren Kern. Bereits im Jahr 1984 läuft in Deutschland das Sozio-oekonomische Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftiskunden (DIW Berlin), dessen Langzeitdaten gemeinsam mit dem Beziehungs- und Familienpanel Pairfam zu den Quellen der aktuellen Auswertung gehören. Trotz solcher lückenlosen Erfassungen über Jahrzehnte hinweg hält sich die Idee hartnäckig, der Charakter sei im Erwachsenenalter so starr wie ausgehärteter Gips – ein Vergleich, den bereits der Psychologe William James im Jahr 1890 zog.

Dieser Glaube hat handfeste Konsequenzen. Wer seinen Charakter für zementiert hält, versucht seltener, unerwünschte Verhaltensweisen zu ändern. Zwar boomt der Markt für Selbstoptimierung, Ratgeber und Apps, doch deren Nutzer verbuchen persönliche Fortschritte selten als echten Charakterwandel. Stattdessen deuten sie diese Erfolge meist als bloße Rückkehr zu dem, was sie ohnehin immer schon zu sein glaubten. Die Forscher betonen dagegen, dass bestimmte Eigenschaften sich durchaus gezielt beeinflussen lassen, wenn man die eigene Formbarkeit erst einmal zulässt.
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