Eine neue NASA-Studie im Fachjournal Science Advances zeigt, dass hartnäckige Mikroorganismen wie der Schimmelpilz Aspergillus in dauerhaft verschatteten Kratern am Mond-Südpol mehr als eine Woche überdauern könnten. Lange galten solche Nischen als völlig steril, doch Forscher aus den USA und Italien warnen nun vor Risiken für künftige Artemis-Mondmissionen.
Die Oberfläche des Mondes galt nach bisherigem Wissensstand als vollkommen lebensfeindlich. Eine neue Studie im Fachjournal Science Advances
zeichnet laut Recherchen von Welt ein deutlich differenzierteres Bild und wirft neue Fragen für die geplanten bemannten Mondmissionen auf. Bislang ging die Forschung davon aus, dass in den eisigen, wenige Dutzend Grad über dem absoluten Nullpunkt liegenden Schattenkratern oder auf den bis zu 130 Grad heißen, sonnigen Ebenen kein organisches Leben überleben kann. Zudem fehlt dem Himmelskörper eine schützende Atmosphäre, weshalb ungeschützte Organismen der tödlichen kosmischen Strahlung ausgesetzt wären.
Topografie des Südpols schützt Mikroben vor UV-Strahlung
Der Schlüssel zu dieser überraschenden Einschätzung liegt in der Landschaft des Mond-Südpols. Wie die NASA-Studie laut dem Bericht ausführt, steht die Sonne dort fast permanent knapp über dem Horizont. Durch diese flache Einstrahlung werfen Berge, Kraterränder und selbst kleinste Erhebungen lange sowie dauerhafte Schatten. In diesen Bereichen fehlt ausgerechnet die ultraviolette Strahlung, welche für Mikroben den größten zerstörerischen Faktor darstellt.
Frühere Modelle hatten diesen lokalen Geländeeffekt schlicht ausgeblendet. Die beteiligten NASA-Forscher aus mehreren Universitäten in den USA und Italien untersuchten im Rahmen ihrer Untersuchungen fünf spezifische Mikroorganismen, die als blinde Passagiere an Bord von Raumfahrzeugen gelangen könnten. Dabei handelt es sich um drei Bakterienarten und zwei Pilzarten, die als vertraute Bewohner von Raumfahrt-Reinräumen und menschlicher Haut bekannt sind.
Schimmelpilz Aspergillus übersteht extreme Bedingungen im Kälteschlaf
Als besonders widerstandsfähig erwies sich der Schimmelpilz Aspergillus. Dessen Sporen sind in der Lage, enorme Strahlendosen wegzustecken. Laut den Studienergebnissen könnte der Pilz in bestimmten Teilen des Südpols mehr als eine Woche lang überdauern.
Die Wissenschaftler ziehen dabei jedoch eine wichtige Grenze zwischen bloßem Überleben und aktivem Wachstum. Die Keime würden unter den extremen Mondbedingungen nicht gedeihen oder sich vermehren, sondern in eine Art Kälteschlaf verfallen. Sie blieben demnach lebendig, aber völlig reglos und würden erst unter günstigeren Bedingungen wieder erwachen. Für ein echtes biologisches Wachstum fehlt dem Mond mangels Atmosphäre schlicht das flüssige Wasser. Die Mikroben würden somit zu reinen Schläfern und nicht zu aktiven Kolonisten werden.
Risiken für unberührte Archive im Artemis-Programm
Diese Entdeckung sorgt deshalb für Diskussionsstoff, weil das von der NASA geleitete Artemis-Programm bald erstmals Astronauten zum Mond-Südpol bringen soll. Da der Mensch Millionen von Einzellern auf der Haut trägt, gelten Raumanzüge, Luftschleusen und mitgeführte Ausrüstung als unweigerliche Verbreitungsquellen für organisches Material. Bislang existieren keinerlei verbindliche Grenzwerte für die Keimbelastung von Mondsonden.
Gleichzeitig ist der Südpol wegen seiner dauerhaft verschatteten Krater begehrt, in denen über Jahrmilliarden hinweg Wassereis konserviert wurde. Dieses Eis soll künftige bemannte Basen mit Trinkwasser versorgen und aufgespalten in Sauerstoff und Wasserstoff sogar als Raketentreibstoff dienen. Ausgerechnet diese eisführenden Krater erweisen sich laut der Studie nun als die sichersten Zufluchtsorte für eingeschleppte Mikroben.
Dies birgt Gefahren für die geplante wissenschaftliche Auswertung. Die Krater gelten als unberührtes Archiv der Frühzeit des Sonnensystems, das Aufschluss über die Herkunft des Wassers und fundamentale Bausteine des Lebens geben könnte. Wer dort Bodenproben entnimmt und dabei irdische Keime einträgt, riskiert, die eigenen Entdeckungen durch mitgebrachte organische Spuren zu verfälschen.
Die Forscher schlussfolgern daher, dass überlebensfreundliche Nischen nicht nur gemieden werden müssen, sondern gezielt untersucht werden sollten, um nachzuvollziehen, welche organischen Spuren der Mensch tatsächlich auf den Himmelskörper trägt. Letztlich gilt die Mond-Forschung in diesem Zusammenhang auch als wichtige Generalprobe für künftige Missionen zum Mars, wo die Bedingungen für das Leben deutlich freundlicher ausfallen.
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