Klimaveränderungen in der späten Eiszeit haben den Lebensraum der Neandertaler nach den Ergebnissen einer internationalen Untersuchung nicht großflächig zerschnitten. Wie eine Arbeit im Fachjournal Communications Earth & Environment zeigt, blieben bewohnbare Gebiete quer durch Europa und Asien bis kurz vor dem Verschwinden der frühen Menschenform vor rund 40.000 Jahren miteinander verbunden. Damit stützen die Forscher die verbreitete Annahme nicht, wonach eine klimabedingte Aufsplitterung der Lebensräume das Aussterben ausgelöst habe.
Neue Studie widerlegt Theorie zum klimabedingten Aussterben der Neandertaler
Die Autoren um Masoud Yousefi von der Universität Teheran nutzten Computermodelle, um zu rekonstruieren, wo Neandertaler leben konnten und wie ihre Lebensräume zusammenhingen. Untersucht wurde der Zeitraum von der letzten Warmzeit vor etwa 130.000 Jahren bis kurz vor ihrem Ende. Als wichtigster Einflussfaktor für die Verbreitung erwies sich die Durchschnittstemperatur im kältesten Monat. Zwar schrumpfte die Fläche bewohnbarer Lebensräume in den letzten rund 60.000 Jahren vor dem Aussterben etwas, doch ging dies nicht mit einer Zersplitterung einher. Wichtige Wanderrouten in Eurasien blieben intakt.
Genetischer Flaschenhals und geringe genetische Vielfalt als Faktoren
Während die flächendeckende Zerschneidung des Lebensraums durch das Klima unwahrscheinlich wird, rücken genetische Faktoren in den Fokus der Forschung. Eine im Fachjournal PNAS veröffentlichte internationale Studie unter Leitung von Cosimo Posth von der Universität Tübingen zeigt, dass die Neandertaler vor rund 65.000 Jahren einen genetischen Flaschenhals durchliefen. Damals schrumpfte ihre genetische Vielfalt stark, was vermutlich zu ihrem Aussterben beitrug.

Vor 75.000 Jahren hatte sich das Klima so stark verschlechtert, dass in großen Flusstälern keine Vegetation mehr existierte und sich extreme arktische Temperaturen ausbreiteten. Die Neandertaler zogen damals aus Nord- und Osteuropa in den klimatisch günstigeren Südwesten Frankreichs. Während ältere Neandertaler eine große genetische Vielfalt mit zahlreichen parallel existierenden Linien aufwiesen, fanden die Forscher bei den späten Neandertalern vor 60.000 Jahren nur noch eine einzige DNA-Linie, die sich über ganz Europa verbreitete.
Paläogenetiker Cosimo Posth betonte laut Spiegel: Die späten Neandertaler bildeten genetisch gesehen eine sehr homogene Gruppe. Denkbar ist, dass die geringe genetische Vielfalt – und möglicherweise auch die anschließende Isolation kleiner Gruppen – zu ihrem Verschwinden beigetragen haben.
Vor etwa 45.000 bis 42.000 Jahren brach die Population drastisch ein, kurz darauf verschwanden die Neandertaler endgültig.
Innovationsfähigkeit und archäologische Funde im Altmühltal
Am fehlenden Erfindergeist dürfte das Verschwinden nach dem Stand der Forschung indessen nicht gelegen haben. Neandertaler waren Jäger und Sammler, die sich vielseitig ernährten und auf Klimaveränderungen mit technischen Neuerungen reagierten. Wie der an der Untersuchung beteiligte Archäologe Thorsten Uthmeier von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ausführt, nutzten sie Holzlanzen und Wurfspeere sowie mit Pech verklebte Schlagwerkzeuge. Späte Neandertaler in Mittel- und Osteuropa entwickelten zudem Faustkeile mit beidseitiger Schneide, die sich mit kleinen Schlaginstrumenten nachschärfen ließen – eine Art historisches „Schweizer Taschenmesser“, wie BR24 berichtet.”

Ein besonderer Fund aus Bayern stammt aus der Sesselfelsgrotte im Altmühltal bei Kelheim, die im Besitz der FAU ist. Dort entdeckten Forschende bereits in den 1960er-Jahren ein etwa 55.000 Jahre altes Teilskelett eines Neandertaler-Fötus. Dessen Erbgut stimmt mit einer Gruppe überein, die später im Süden Frankreichs lebte und offenbar von den späten Neandertalern isoliert war.
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