Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat eine öffentliche Entschuldigung für seine Äußerungen zur Kinderbetreuung abgegeben, nachdem seine Aussagen bei einem Bürgerdialog in Salzburg massive Irritationen und Kritik ausgelöst hatten. Der Regierungschef hatte im Rahmen seiner Sommertour im Hotel Imlauer erklärt, dass er Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen
würde.
Der Vorfall beim Bürgerdialog in Salzburg
Die Diskussion entzündete sich an einer Frage aus dem Publikum, mit der eine Besucherin die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die immense Belastung von Müttern ansprach. Die Teilnehmerin fragte den Kanzler direkt, ob ihm bewusst sei, von welchen Zahlen es sich handele, und verwies auf 96 Stunden unbezahlte Betreuung pro Woche. Laut einem Bericht von salzburg24.at wies Stocker die Definition der Betreuung als Arbeit entschieden zurück und sagte ehrlich, dass Kinderbetreuung für ihn keine unbezahlte Arbeit sei.
Stocker begründete seine Ansicht damit, dass er ein anderes Familienbild habe, als wenn Familien als Business Case
oder Rechenbeispiel
begriffen würden. Diese Haltung führte bereits im Saal zu Protesten. Die Moderatorin der Veranstaltung, Arabella Kiesbauer, widersprach dem Kanzler auf offener Bühne. Die 57-jährige zweifache Mutter betonte, dass das gesamte System ohne Mütter zusammenbrechen würde, und forderte mehr Anerkennung sowie eine gerechtere Aufteilung. Ihr Widerspruch wurde im Saal mit Applaus und Zustimmung quittiert.
Öffentliche Entschuldigung des Bundeskanzlers
Nachdem die Kritik auch aus der Politik zunahm, entschuldigte sich Christian Stocker am Freitag öffentlich. In einer Aussendung räumte der ÖVP-Obmann ein, dass sein Satz falsch
sei und zu Recht für Diskussionen sorge. Er entschuldigte sich in aller Deutlichkeit
bei all jenen, die sich durch die Aussage verletzt, beleidigt oder nicht wertgeschätzt fühlen.

In seiner Korrektur stellte Stocker klar: Kinderbetreuung ist Arbeit
. Er ergänzte, dass insbesondere Frauen, die in den meisten Familien weiterhin den Großteil der Erziehung übernehmen, damit Großartiges leisteten.
Proteste und angekündigte Streiks in Wien
Trotz der Entschuldigung planen Aktivistinnen und Aktivisten des feministischen Bündnisses „FRAUEN*Streik weitere Aktionen. Da die Entschuldigung für einige Beteiligte nicht ausreiche, wurde für den Montagnachmittag ab 16 Uhr eine spontane Demonstration vor dem Bundeskanzleramt am Ballhausplatz 2 in Wien ausgerufen.

Das Aktionsbündnis, das sich als feministische Intervention wider die Ungleichheit
versteht, kritisierte auf Instagram die Geringschätzung
und erklärte, dass Frauen in Österreich strukturelle Ungerechtigkeiten nicht länger als Normalität hinnehmen wollten. An den Protesten beteiligen sich unter anderem folgende Organisationen:
- Alternative Unabhängige und Grüne Gewerkschafter:innen (AUGE/UG Wien)
- Frauenring
- Grüne Frauen Wien
- KPÖ Frauen
- SOS Mitmensch
Über die spontane Demo hinaus kündigte das Bündnis weitere Schritte an. Für den 23. und 24. Oktober sind Proteste unter dem Motto Stören – Streiken – Nixtun – Feiern
geplant. Zudem wurden für den 3. Mai 2027 österreichweite Frauenstreiks angekündigt, mit dem Ziel, Österreich nachhaltig verändern
zu wollen. Die Aktivisten erklärten, sie verweigerten die Mitarbeit an einer patriarchalen, kapitalistischen Weltordnung
.
Politische Reaktionen
Neben den zivilgesellschaftlichen Protesten gab es scharfe Reaktionen aus dem politischen Spektrum. So bezeichnete Kickl die ÖVP als völlig empathielos
und familienfeindlich
und behauptete, die Partei sei Lichtjahre von der Lebensrealität der eigenen Bevölkerung entfernt
.
