Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann am 25. Juni 2026 markiert das 50. Jubiläum des nach ihr benannten Literaturwettbewerbs in Klagenfurt einen kulturellen Höhepunkt. Parallel dazu wird die umfassende Salzburger Bachmann Edition vorangetrieben, während ein neues Doku-Drama von Regina Schilling mit Sandra Hüller die isolierten letzten Lebensjahre der Autorin in Rom porträtiert.
Die Salzburger Edition: Ein wissenschaftlicher Neustart bis 2034
Die Erforschung des literarischen Werks von Ingeborg Bachmann erfährt derzeit eine grundlegende Neuausrichtung. Wie Der Standard berichtet, startete im Jahr 2020 unter der Herausgeberschaft des Salzburger Germanisten Hans Höller die sogenannte Salzburger Bachmann Edition. Das Projekt, das bei den Verlagen Suhrkamp und Piper erscheint, bereitet das Werk sowie die Korrespondenz der Autorin in einem neuen Kontext auf.

Die Dimension des Vorhabens ist beachtlich. Insgesamt sind 30 Opus-Bände geplant, von denen die letzten acht bereits avisiert wurden. Laut Angaben von Der Standard soll die gesamte Ausgabe bis zum Jahr 2034 abgeschlossen sein. Damit wird eine etwa 40-jährige Phase der bisherigen Forschung durch eine rasche Abfolge neuer Editionen effektiv abgelöst.
Ein solcher wissenschaftliche Neustart ist bei einer Autorin wie Bachmann von besonderer Bedeutung, da ihr Werk oft durch intensive Überarbeitungen und Fragmentierungen gekennzeichnet ist. Die systematische Aufarbeitung der Korrespondenz und der Texte ermöglicht es der Forschung, die Entwicklung ihrer Sprache und ihrer Themen präziser zu verfolgen, insbesondere im Hinblick auf ihr unvollendetes Lebenswerk, den Romanzyklus „Todesarten“, in dem sie die Mechanismen von Macht und Unterdrückung analysierte.
50 Jahre Bachmann-Preis: Wettlesen im ORF-Studio
Parallel zu den bibliographischen Neuerungen steht die literarische Praxis im Fokus. Am Mittwoch, den 24. Juni, beginnt in Klagenfurt zum fünfzigsten Mal der nach Bachmann benannte Literaturwettbewerb. Wie die Salzburger Nachrichten schildern, wird der Wettbewerb erneut auf der Bühne des dortigen ORF-Studios ausgetragen. Die Geschichte des Preises gilt als lang und umstritten.

Die Kontroverse rührt primär aus dem Format des sogenannten „Wettlesens“ her: Die Autoren lesen ihre Texte vor einer Jury und einem Publikum laut vor, woraufhin die Texte unmittelbar und öffentlich kritisch diskutiert werden. Diese Form der direkten Konfrontation zwischen schreibenden Künstlern und Kritikern hat den Preis über Jahrzehnte zu einem zentralen Ereignis der deutschsprachigen Literaturlandschaft gemacht.
Das diesjährige Wettlesen unterstreicht die Rolle des Preises als Sprungbrett für nicht etablierte Stimmen. Ein Beispiel ist die Autorin Uzun, die derzeit ihr Studium an der Universität Bayreuth abschließt. In einem Gespräch mit der dpa, wie VOL.AT berichtet, äußerte sie sich demütig über ihre Einladung.
„Es mir auch gezeigt: Jeder hat eine Chance, und es kommt wirklich auf den Text an“ Uzun, Autorin, via VOL.AT
Zwischen Doku und Drama: Sandra Hüller als Bachmann
Die filmische Auseinandersetzung mit Bachmann erreicht mit dem Projekt „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ eine neue Ebene. Regisseurin Regina Schilling setzt hierbei auf ein inspiriertes Doku-Drama, das Archivmaterial, Briefe und Auszüge aus den Werken mit fiktionalen Szenen mischt. In der Hauptrolle ist Sandra Hüller zu sehen, die Bachmann in einer römischen Wohnung porträtiert.
Das Projekt unterscheidet sich bewusst von früheren Ansätzen. Während Vicky Krieps bereits im Bio-Pic „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ zu sehen war, konzentriert sich Schilling auf die letzten, dunklen Jahre der Autorin. Laut dem Kurier inszeniert der Film einen Tag, an dem Bachmann alkohol- und drogenabhängig, allein und zurückgezogen lebte.

Dieser Fokus auf die Zeit in Rom ist zentral für das Verständnis der späten Bachmann. Die Autorin lebte ab den 1960er Jahren in Italien, wo sich ihre produktive Phase zunehmend in eine Phase der Isolation und psychischen Belastung wandelte, bevor sie 1973 verstarb. Schilling nutzt diesen räumlichen und psychischen Rückzug, um die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Image der gefeierten Intellektuellen und der privaten Realität ihrer letzten Jahre zu beleuchten.
Ein zentrales Element des Films ist die Auseinandersetzung mit Geschlechterstereotypen. Schilling nutzt eine Szene, in der die Stimme des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki aus dem Off zu hören ist. Während Reich-Ranicki über die angebliche Unfähigkeit von Frauen, große Literatinnen oder Komponistinnen zu werden, doziert, zeigt der Film Hüller als Bachmann in ungerührten Alltagsabläufen – sie raucht, kocht Kaffee und liest Zeitung.
Die Aktualität der Vision: Kritik an männlichen Strukturen
Die Verbindung zwischen dem wissenschaftlichen Werk, dem Wettbewerb und dem Film liegt in der zeitlosen Kritik Bachmanns an einer männerdominierten Gesellschaft. Regina Schilling bezeichnet die Autorin als „wirklich visionär“, insbesondere in Bezug auf heutige Konzepte wie „Mansplaining“.
Als Beleg führt Schilling eine Passage aus Bachmanns Erzählung „Simultan“ an, in der eine weibliche Figur mit „riesigen kindlich aufgerissenen Augen“ so tut, als würde sie zuhören, während sie herablassend belehrt wird. Diese Problematisierung stereotyper Rollenzuschreibungen macht die Texte laut Schilling so gegenwärtig.
Die aktuelle Bachmann-Rezeption zeigt somit eine Dreifaltigkeit: Die systematische Katalogisierung durch die Salzburger Edition, die Öffnung für neue Talente in Klagenfurt und die psychologische Dekonstruktion ihrer letzten Jahre im Kino. Während die Edition bis 2034 die Fakten ordnet, bleibt die emotionale und gesellschaftliche Wirkung ihres Werks – insbesondere die Kritik an patriarchalen Strukturen – der Kern des öffentlichen Interesses.
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