Seit Anfang Juni exportiert der Schweizer Züchterverband Suisseporcs wöchentlich rund 900 Ferkel zur Notschlachtung nach Süddeutschland. Die Maßnahme reagiert auf ein massives Überangebot an Schweinefleisch von etwa 5.000 Tieren pro Woche. Ziel ist es, eine Überbelegung der Ställe sowie einen weiteren Preisverfall auf dem Schweizer Markt zu verhindern.
Die Krise resultiert aus einem Ungleichgewicht in der schweizerischen Produktionskette. In der Regel liefern Züchter die Ferkel an Mäster, welche die Tiere bis zum Schlachtgewicht aufziehen. Wenn die Nachfrage am Ende der Kette – bei Metzgereien und Konsumenten – sinkt, stauen sich die Tiere in den Mastbetrieben auf. Die Mäster können dann keine neuen Ferkel mehr aufnehmen, was die Züchter zwingt, entweder die Produktion zu drosseln oder Notlösungen wie den Export zu finden.
Logistik der Notschlachtungen in Stuttgart
Zweistündige Ferkel, die normalerweise für die Mast vorgesehen sind, verbringen derzeit bis zu zehn Stunden im klimatisierten LKW auf dem Weg nach Süddeutschland. Endstation ist der Spanferkel-Schlachthof Beck in Neu-Kupfer nahe Stuttgart. Die Tiere werden dort geschlachtet und anschließend verkauft.

Die Maßnahme ist eine Reaktion auf die aktuelle Marktsituation, in der wöchentlich 5.000 Schweine mehr produziert werden, als der Schweizer Markt aufnehmen kann. Während die Exporte nach Deutschland laufen, werden zusätzlich 5.000 Ferkel im Inland geschlachtet.
Kantonstierärzte, welche die Transporte bewilligt haben, bestätigten, dass die Tierschutzbestimmungen eingehalten werden, da die Fahrzeuge klimatisiert sind und Wasser zur Verfügung steht.
Diskrepanzen bei den Exportzahlen
Die Kommunikation des Züchterverbandes Suisseporcs weist Widersprüche in Bezug auf die Menge der betroffenen Tiere auf. Öffentlich sprach der Verband von 15.000 Mastferkeln, die im In- und Ausland verkauft werden sollen.

Recherchen von SRF basierend auf internen Dokumenten des Verbandes zeichnen ein anderes Bild. Das Dokument mit dem Titel Konzept Ferkelexport sieht einen Zeitraum von Anfang Juni bis voraussichtlich Ende November vor. Bei einer wöchentlichen Rate von 904 Tieren ergibt dies eine Gesamtzahl von 22.600 Ferkeln.
Auf Anfrage erklärte Suisseporcs, die Situation sei volatil und müsse laufend neu beurteilt werden. Neben den Lebendexporten plant der Verband zudem den Export von 18.000 Mastschweinen, die als Fleischhälften in europäische Märkte gehen.
Finanzielle Belastung und der 9,5-Millionen-Fonds
Die Kosten für diese Notfallmaßnahmen tragen die Züchter und Mäster selbst. Seit Februar haben sie insgesamt 9,5 Millionen Franken in einen Entlastungsfonds eingezahlt.
Die Verteilung dieser Mittel zeigt die verschiedenen Strategien zur Marktberuhigung:
- 4 Millionen Franken: Einsatz für den Export von etwa 10.000 Schlachtschweinen (rund 450.000 kg Fleisch), um Tiefkühllager zu leeren.
- 1 Million Franken: Budget für den Export von Lebendferkeln zur Schlachtung in Deutschland.
- 5,5 Millionen Franken: Reserven für den Export von Schlachtschweinehälften nach Europa.
Laut einem Bericht von Der Schweizer Bauer dienen diese Maßnahmen dazu, die Talsohle beim Schlachtschweinepreis zu erreichen. Die wirtschaftliche Lage bleibt dennoch prekär. Die Metzgerei Reichmuth in Schwyz zahlt für Notschlachtungen derzeit einen Preis von einem Franken pro Kilo – ein Bruchteil des ohnehin niedrigen Maximalpreises von 2,70 Franken.
Vermeidung eines Tierschutz-Kollapses wie 2022
Die aktuellen Exportmaßnahmen sind ein Versuch, die Situation von 2022 nicht zu wiederholen. In jenem Jahr führte ein ähnlicher Überbestand dazu, dass Schlachthöfe die Kapazitäten nicht bewältigen konnten. Die damalige Krise wurde unter anderem durch den Einbruch der Gastronomie während der Pandemie befeuert, was die Absatzwege für Fleischprodukte massiv einschränkte.

Die Folgen waren kritisch: Ställe waren überbelegt, Tiere wurden zu dick und es kam zu massiven Verstößen gegen das Tierschutzrecht, da der Platzmangel nicht mehr kontrollierbar war. Das Schweizer Tierschutzgesetz schreibt strikte Mindestflächen pro Tier vor; bei einer Überbelegung drohen den Betrieben rechtliche Konsequenzen und behördliche Sanktionen. Damals mussten bereits 10.000 Ferkel exportiert werden.
Ein bemerkenswerter Aspekt der aktuellen Krise ist die Kapazitätsfrage im Inland. Der Geschäftsführer des Schlachthofs Zürich gab an, dass sein Betrieb Kapazitäten für 900 Ferkel pro Woche gehabt hätte, Suisseporcs ihn jedoch nicht angefragt habe.
Politischer Stillstand und Suche nach Alternativen
Langfristige Lösungen zur Reduzierung der Schweinepopulation scheitern derzeit an internen und staatlichen Widerständen. Ein Vorschlag für eine Prämie von 2.000 Franken für die Ausschlachtung von Muttersauen ohne Ersatz fand bei den Delegierten des Verbandes keine Mehrheit.
Gleichzeitig lehnt das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) eine Rückkehr zu staatlichen Produktionskontingenten ab. In der Vergangenheit steuerte der Staat die Menge der produzierten Tiere über solche Quoten, um Preisstürze zu vermeiden. Das BLW setzt nun jedoch auf eine marktgesteuerte Produktion, was bedeutet, dass die Branche die Mengenanpassungen eigenständig und ohne staatliche finanzielle Absicherung vornehmen muss. Damit bleibt die Branche ohne regulatorische Leitplanken.
Suisseporcs-Geschäftsführer Stefan Müller bezeichnete die Lage gegenüber SRF als Rückkehr auf Feld eins. Um eine dauerhafte Marktregulierung zu finden, wird nun ein runder Tisch mit Großmetzgereien, der Branchenorganisation Proviande – dem Dachverband der Fleischwirtschaft – und der Schweinehandelsvereinigung einberufen. Ohne eine solche Alternative warnt der Verband vor einem erneuten Marktzusammenbruch in drei Jahren.
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