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Russian families use AI to ‚resurrect‘ loved ones killed in Ukraine

Russische Familien nutzen zunehmend KI-Chatbots, um Gespräche mit in der Ukraine gefallenen Angehörigen zu simulieren. Diese „digitalen Klone“ basieren auf Sprachnachrichten und Social-Media-Daten der Verstorbenen. Psychologen warnen vor einer Behinderung des Trauerprozesses, während Anbieter die Dienste als emotionale Unterstützung vermarkten.

Funktionsweise der KI-Rekonstruktion

Die Erstellung dieser digitalen Avatare stützt sich auf Large Language Models (LLMs) und Voice-Cloning-Technologie. Anbieter lassen Hinterbliebene Chat-Verläufe von Plattformen wie Telegram oder VKontakte sowie Sprachmemos hochladen. Die KI analysiert den Satzbau, den Wortschatz und die spezifischen Redewendungen der verstorbenen Person.

Technisch wird dies oft durch ein Verfahren erreicht, das als Fine-Tuning oder Retrieval-Augmented Generation (RAG) bezeichnet wird. Dabei wird das allgemeine Sprachmodell mit einem spezifischen Datensatz der verstorbenen Person „gefüttert“, sodass die KI in der Lage ist, persönliche Anekdoten und spezifische Verhaltensmuster zu reproduzieren. Die Voice-Cloning-Software benötigt dabei oft nur wenige Minuten an Original-Audiomaterial, um eine synthetische Stimme zu erzeugen, die in Klangfarbe und Intonation dem Original täuschend ähnlich ist.

Das Ergebnis ist ein Chatbot, der in der Lage ist, Fragen zu beantworten oder tägliche Updates zu erhalten, wobei er die Persona des Verstorbenen imitiert. In einigen Fällen werden diese Textbots mit synthetischen Stimmen kombiniert, sodass die Angehörigen dem „rekonstruierten“ geliebten Menschen über Audio-Nachrichten zuhören können. Die Technologie zielt darauf ab, eine Illusion von Kontinuität in der Beziehung zu schaffen.

Psychologische Risiken und Trauerbewältigung

Fachleute für psychische Gesundheit äußern Bedenken über die langfristigen Auswirkungen dieser Technologie. Die Trauerforschung unterscheidet zwischen einer gesunden Trauerverarbeitung und einer sogenannten „komplizierten Trauer“. Letztere ist durch eine Unfähigkeit gekennzeichnet, den Verlust zu akzeptieren.

In der Psychologie wird normalerweise das Konzept der „fortbestehenden Bindungen“ (Continuing Bonds) diskutiert, bei dem es gesund ist, eine innere Beziehung zum Verstorbenen aufrechtzuerhalten. Die KI-Bots verschieben diese interne Erinnerung jedoch in eine externe, interaktive Simulation. Die ständige Verfügbarkeit eines digitalen Abbilds kann den Prozess der Loslösung verhindern. Anstatt die Abwesenheit der Person zu verarbeiten, verharren Nutzer in einer simulierten Interaktion. Dies kann zu einer emotionalen Abhängigkeit vom Bot führen und die Entwicklung von Bewältigungsstrategien blockieren.

Die Gefahr besteht darin, dass die Trauernden in einer künstlichen Schleife gefangen bleiben. Wenn der Tod nicht als endgültig akzeptiert wird, bleibt die psychische Heilung aus.

Psychologischer Berater, spezialisiert auf Trauerbewältigung

Ethische Bedenken und Datenschutz

Die Praxis der digitalen Auferstehung wirft grundlegende Fragen zur Zustimmung der Verstorbenen auf. In Russland gibt es derzeit kaum rechtliche Rahmenbedingungen, die regeln, ob eine Person zu Lebzeiten in die Erstellung eines KI-Klones einwilligen muss. Das russische Zivilrecht enthält keine spezifischen Bestimmungen zum „digitalen Erbe“ oder zum Schutz der Persönlichkeitsrechte nach dem Tod in Bezug auf generative KI. Die Datenhoheit liegt faktisch bei den Hinterbliebenen oder den privaten Unternehmen, die die Dienste anbieten.

Families of dead pro-Russian separatists start to bury their loved ones

Ein weiteres Problem ist die Manipulation der Erinnerung. Da KI-Modelle zu „Halluzinationen“ neigen, erfinden die Bots oft Details oder äußern Meinungen, die der verstorbene Mensch nie vertreten hat. Dies kann das Bild, das die Angehörigen von dem Toten haben, verzerren, da die KI statistische Wahrscheinlichkeiten nutzt, um Lücken in den Daten zu füllen, anstatt tatsächliche Erinnerungen abzurufen.

Die Anbieter dieser Dienste argumentieren, dass die Technologie in einer Zeit massiver Verluste als Brücke dient. Sie bezeichnen die Bots als Werkzeuge zur Linderung akuter Schmerzen. Kritiker sehen darin jedoch eine Kommerzialisierung des Leids, bei der emotionale Notlagen ausgenutzt werden, um Abonnements für digitale Immortality-Dienste zu verkaufen.

Kontext der Kriegsopfer

Die steigende Nachfrage nach diesen Diensten korreliert mit der hohen Zahl an gefallenen Soldaten in der Ukraine. Viele Familien erhalten oft nur späte oder unvollständige Informationen über den Tod ihrer Angehörigen. In vielen Fällen werden Soldaten offiziell als „vermisst“ eingestuft, was zu einem Zustand des „ambivalenten Verlusts“ führt – ein psychologischer Zustand, in dem die Trauernden weder einen endgültigen Abschied nehmen noch die Person zurückerhalten können.

Kontext der Kriegsopfer

Die KI-Bots füllen diese Informationslücke mit einer simulierten Präsenz und bieten einen Ersatz für das fehlende offizielle Abschlussritual. Während staatliche Stellen in Russland die Trauerarbeit oft politisch instrumentalisieren, suchen Einzelpersonen in der Privatsphäre digitaler Anwendungen nach Wegen, den Verlust zu bewältigen.

Die Grenze zwischen therapeutischer Hilfe und digitaler Obsession bleibt dabei fließend. Es ist unklar, wie die Nutzer reagieren werden, wenn die Anbieter die Dienste einstellen oder die Algorithmen ändern, was zu einem „zweiten Verlust“ der geliebten Person führen könnte. Dieser potenzielle Systemausfall würde die Trauernden erneut mit der Endgültigkeit des Todes konfrontieren, jedoch ohne die ursprüngliche psychologische Unterstützung.

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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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