Am 1. Januar 2026 forderten Brände in Crans-Montana 41 Menschenleben. Während ein Benefizkonzert in Lausanne kürzlich die Opfer ehrt und Gelder für den Verein Swisshearts sammelt, belasten neue Überwachungsvideos die Barbesitzerin Jessica Moretti. Die Aufnahmen legen nahe, dass sie den Brand durch Wunderkerzen auslöste und anschließend flüchtete.
Die Katastrophe von Crans-Montana hinterließ eine tiefe Wunde in der Schweizer Gesellschaft: 41 Tote und mehr als 100 Verletzte. Vier Monate nach dem Inferno versuchten Angehörige und Künstler in Lausanne, einen Moment der kollektiven Heilung zu schaffen. In der Salle Métropole versammelten sich rund 2.000 Menschen, um die Opfer zu gedenken und finanzielle Unterstützung für die Hinterbliebenen zu generieren.
Gedenkkonzert für die Opfer und der Verein Swisshearts
Crans Montana Hinterbliebenen
Das Benefizkonzert war mehr als eine Musikveranstaltung; es war ein politisches und emotionales Signal. Die Einnahmen flossen direkt an den von Hinterbliebenen gegründeten Verein Swisshearts. Die Atmosphäre war geprägt von Trauer, aber auch von einer entschlossenen Forderung: Die Opfer dürfen nicht in Vergessenheit geraten.
Namhafte Künstler trugen zur emotionalen Schwere des Abends bei. Gjon’s Tears, der 2021 den dritten Platz beim Eurovision Song Contest belegte, sowie der Gewinner von „France’s Got Talent“ 2018, Jean-Baptiste Guegan, verzichteten auf ihre Gagen. Gemeinsam mit anderen Musikern traten sie mit weißen Rosen auf die Bühne und sangen das den Opfern gewidmete Lied „Étoile de nos cœurs“ (Stern unserer Herzen).
Für die Organisatoren stand die verbindende Kraft der Musik im Vordergrund. In einer Situation, die für die betroffenen Familien weiterhin extrem belastend ist, sollte das Konzert einen Hoffnungsschimmer bieten. Doch während in Lausanne Lieder der Hoffnung erklangen, verschärfte sich zeitgleich die juristische Lage für die Verantwortlichen der Bar.
Die belastenden Überwachungsvideos gegen Jessica Moretti
Wunderkerzen
Die juristische Wende kam durch die Aufhebung einer Sperrfrist für Videomaterial in Sitten. Mehr als 100 Tage lang wurden Aufnahmen von 14 Überwachungskameras zurückgehalten. Diese Überwachungsaufnahmen, die nun schrittweise den Anwälten der Opferfamilien zugänglich gemacht werden, zeichnen ein verheerendes Bild vom Verhalten der Barbesitzerin Jessica Moretti.
Die Beweislage verdichtet sich gegen Moretti in zwei zentralen Punkten:
Die Brandursache: Die Bilder legen nahe, dass Moretti selbst Wunderkerzen an Champagnerflaschen entzündete, welche als Auslöser des verheerenden Feuers gelten.
Die Flucht: Das Material zeigt tumultartige Szenen unmittelbar nach dem Ausbruch. Während sich junge Gäste in einem dichten Gedränge zwischen DJ-Pult und Bar stauten, verließ Moretti das Lokal über eine Treppe.
Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass Moretti keinen Alarm auslöste, sondern sich schnell in Sicherheit brachte. Berichten zufolge versperrte sie den flüchtenden Gästen dabei sogar den Weg. Die Eltern des 17-jährigen Trystan Pidoux, der bei dem Brand ums Leben kam, äußerten sich erschüttert über die Bilder.
„Sie flieht, während die Kinder nicht erfassen, was geschieht: Obwohl sie erkennt, dass sich etwas Schreckliches anbahnt, löst sie keinen Alarm aus. Stattdessen ergreift sie die Flucht – ja, sie läuft davon. Sie hat zwar nicht die Kasse mit den Einnahmen bei sich, doch ihr Handeln zeigt, dass sie allein an ihr eigenes Überleben denkt. Nicht an das ihrer Gäste – Kinder, allesamt sehr jung –, die sie zurücklässt und in ihrer Situation zusätzlich behindert.“
Eltern von Trystan Pidoux, via 20min.ch
Entlastung der Kellnerin und Ermittlungen gegen die Gemeinde
Crans Montana
Die neuen Erkenntnisse haben nicht nur Belastungen, sondern auch Entlastungen zur Folge. Eine Kellnerin, die ebenfalls bei der Katastrophe ums Leben kam, stand zuvor im Verdacht, den Brand verursacht zu haben. Die Auswertung der rund acht Minuten Videomaterial scheint diese Theorie nun zu widerlegen und die verstorbene Mitarbeiterin zu rehabilitieren.
Die Ermittlungen der Schweizer Behörden beschränken sich jedoch nicht nur auf die Barbetreiberin. Im Visier der Justiz befinden sich auch ehemalige Verantwortliche der Gemeinde, wobei die genauen Vorwürfe gegen die kommunalen Amtsträger noch nicht vollständig offengelegt wurden.
Die zeitliche Abfolge der Beweissicherung bleibt ein kritischer Punkt. Während erste Anwälte die Videos bereits sichten konnten, ist eine vollständige Einsichtnahme für alle Angehörigen erst ab Mai vorgesehen. Dies deutet auf einen hochsensiblen Prozess hin, bei dem die Behörden die Informationsflüsse genau kontrollieren.
Die rechtliche und gesellschaftliche Tragweite
cluster (priority): 20min.ch
Der Fall Crans-Montana entwickelt sich von einer tragischen Brandkatastrophe zu einem Paradebeispiel für die Frage der unternehmerischen Sorgfaltspflicht und der moralischen Verantwortung in Krisensituationen. Dass die Inhaberin einer Lokalität mutmaßlich die Brandquelle setzte und dann die Flucht ergriff, ohne die Gäste zu warnen, verschiebt die Debatte von einer bloßen Fahrlässigkeit hin zu einer potenziell strafrechtlich relevanten Pflichtverletzung.
Die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Gedenken in Lausanne und den harten Fakten der Überwachungskameras ist frappierend. Während die Musikindustrie und die Zivilgesellschaft durch den Verein Swisshearts Solidarität zeigen, steht die Justiz nun vor der Aufgabe, die Kausalkette zwischen den Wunderkerzen und den 41 Todesopfern rechtssicher zu beweisen.
In den nächsten Wochen wird die vollständige Freigabe der Videos für die Angehörigen entscheidend sein. Sollten die Aufnahmen die Schilderungen der Anwälte bestätigen, wird der Druck auf Jessica Moretti und die Gemeinde Verantwortlichen massiv zunehmen. Die Frage ist nicht mehr nur, wie das Feuer entstand, sondern warum die Rettungskette an der Spitze der Hierarchie versagte.
Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.
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