Es gibt Momente in der Musik, in denen das Experimentelle nicht mehr nur ein technisches Spielzeug ist, sondern zur Sprache wird. Kate NV, die russische Künstlerin hinter dem Projekt „Room for the Moon“, hat genau diesen Punkt getroffen. Ihr Album ist kein klassisches Pop-Werk, sondern eine kühne Gratwanderung zwischen kindlicher Naivität und einer swift schon beunruhigenden klanglichen Architektur. Wer hier nach glatten Radio-Hymnen sucht, wird enttäuscht. Wer jedoch die Lust an der bewussten Disharmonie teilt, findet hier ein Refugium.
Zwischen sowjetischem Pop und japanischen Träumen
Kate NV greift auf ein Archiv zurück, das viele westliche Hörer kaum auf dem Schirm haben: den Pop der 70er und 80er Jahre aus Russland und Japan. Diese Einflüsse verschmelzen mit der Ästhetik alter Kinderfilme zu einem Gesamtwerk, das sich weigert, konventionellen Regeln zu folgen. Es ist eine Art musikalisches Märchen, das jedoch nicht in einem sterilen Studio, sondern in einer Werkstatt voller analoger Kuriositäten entstanden zu sein scheint.
Das Ergebnis ist eine Mischung, die an die rhythmische Energie der Talking Heads erinnert, diese aber mit progressiven Synthesizern und hallenden Drumcomputern kreuzt. Es ist diese Spannung, die das Album so lebendig macht. Die Musik wirkt oft wie ein Puzzle, dessen Teile nicht ganz zusammenpassen, was aber gerade den Reiz ausmacht.
Die Ästhetik des Unbequemen
Manche Tracks fordern den Hörer regelrecht heraus. Der Opener „Not Not Not“ beginnt fast schon schroff. Die Melodien tanzen chaotisch umeinander herum und erzeugen eine Desorientierung, die fast physisch spürbar ist. Man könnte sagen, der Song groovt wie ein platter Reifen – er bewegt sich vorwärts, aber mit einer ständigen, asymmetrischen Instabilität.
Noch tiefer in die klangliche Forschung geht es bei „Da Na“. Hier wird ein Instrumentarium genutzt, das uns zwar bekannt vorkommt, uns aber dennoch fremd bleibt. Eine Klarinette driftet in Dissonanzen ab, als wäre sie betrunken. Dazu kommen Perkussionen, bei denen man nur raten kann, was sie auslöst: Vielleicht sind es Kenari-Samen-Schalen oder jemand, der mit den Fingern über die Zinken eines Kamms streicht. Diese Unbestimmtheit erzeugt eine unterschwellige Spannung, die das Album von gewöhnlichem Indie-Pop abhebt.
Lichtblicke in der Absurdität
Trotz dieser experimentellen Strenge bleibt das Album im Kern optimistisch. „Sayonara (Full Moon Version)“ fungiert als fantastisches Gegenstück zu den oft düsteren New-Wave-Theatraliken einer Band wie Oingo Boingo. Hier wird der Traum gefeiert, nicht der Albtraum.
Sogar in den zugänglichsten Momenten lässt Kate NV die Perfektion links liegen. „Plans“ ist der Track, der sich am stärksten an den Dance-Pop der 80er anlehnt. Doch selbst hier bricht sie den Fluss mit einem minutenlangen Instrumentalteil, in dem ein Saxophon atonal und fast schon bleichend aufschreit. Es ist ein bewusster Bruch mit der Erwartungshaltung des Publikums.
Interessanterweise spielt die Sprachbarriere hier eine positive Rolle. Wer die russischen Texte nicht versteht, spürt dennoch die emotionale Wärme. Das Album ist keine traurige Mond-Lullaby, sondern die ungefilterte Freude eines unschuldigen Geistes. Es ist die Musik eines Traums, in dem die Logik keine Rolle spielt, solange das Gefühl stimmt.
Was macht den Sound von Kate NV so besonders?
Sie kombiniert bewusst disharmonische Elemente – wie atonalen Saxophon-Einsatz oder asymmetrische Rhythmen – mit einer hellen, fast kindlichen Pop-Ästhetik. Das schafft eine Spannung zwischen „unheimlich“ und „hoffnungsvoll“.
Welche kulturellen Einflüsse prägen „Room for the Moon“?
Das Album stützt sich stark auf den japanischen und russischen Pop der 1970er und 80er Jahre sowie auf die Atmosphäre alter Kinderfilme, was zu einem nostalgischen, aber eigenwilligen Klangbild führt.
Könnte dieser Stil einen Einfluss auf die aktuelle Popmusik haben?
Es ist wahrscheinlich, dass solche Nischenexperimente den Weg für mutigere Produktionen im Mainstream ebnen. Wenn Künstler lernen, dass Dissonanz und „Fehler“ (wie der Vergleich mit dem platten Reifen zeigt) emotionale Tiefe erzeugen können, weitet sich das Spektrum dessen, was wir als „popmusiktauglich“ empfinden.