Das Liebherr-Werk in Nenzing feierte am 27. Juni 2026 sein 50-jähriges Bestehen mit einem großen Publikumsfest, das über 20.000 Besucher anzog. Der Standort entwickelte sich seit der Produktionsverlagerung von Ehingen im Jahr 1976 zu einem globalen Zentrum für Seilbagger und Bohrgeräte mit einem Rekordumsatz von 746,6 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2025.
Die Transformation des Standorts Nenzing ist ein Lehrstück für strategische industrielle Neuausrichtung. Was als Ableger des in Ehingen gegründeten Werks für Auto- und Schiffskrane von 1969 begann, hat sich zu einem spezialisierten Kompetenzzentrum gewandelt. Laut einem Bericht von vol.at stieß das ursprüngliche Werk in Ehingen trotz kontinuierlicher Investitionen schnell an seine Kapazitätsgrenzen, was die Expansion und spätere Verlagerung forcierte.
Die strategische Verschiebung betraf nicht nur den Ort, sondern das gesamte Produktportfolio. Während Schiffskrane und Hafenmobilkrane heute in Rostock und Killarney gefertigt werden, konzentriert sich Nenzing auf Raupenkrane, Seilbagger sowie Ramm- und Bohrgeräte. Letztere ergänzten das Sortiment vor rund 15 Jahren.
Heute fungiert der Standort als Sitz der Liebherr-MCCtec GmbH. Wie Vertikal berichtet, betreut diese Spartenobergesellschaft drei weitere Produktionsstätten sowie über 50 Vertriebs- und Serviceniederlassungen weltweit. Der Gesamtumsatz dieser Einheiten übersteigt mittlerweile zwei Milliarden Euro.
Die wirtschaftliche Schlagkraft des einzelnen Werks in Nenzing zeigt sich in den aktuellen Bilanzen. Im Geschäftsjahr 2025 erreichte die Liebherr-Werk Nenzing GmbH mit 746,6 Millionen Euro den höchsten Umsatz ihrer Geschichte, was einer Steigerung von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht, so die Daten von a3BAU.
Besonders bemerkenswert ist die Exportquote: Nahezu 99 Prozent der in Nenzing produzierten Maschinen gehen in den Auslandshandel. Damit ist das Werk weniger ein regionaler Arbeitgeber als vielmehr ein globaler Exportmotor. Mit knapp 2.000 Mitarbeitenden aus 46 Nationen und 133 Lehrlingen ist das Unternehmen einer der größten Arbeitgeber in Vorarlberg.
Die Jubiläumsfeier: Besucherströme und technische Meilensteine
Photo: vorarlberg.ORF.at
Die Feierlichkeiten Ende Juni 2026 waren als gesamte Festwoche konzipiert. Während von Dienstag bis Freitag rund 1.200 Kunden aus der DACH-Region, Europa und Übersee empfangen wurden, öffnete das Werk am Samstag die Tore für die breite Öffentlichkeit. Die Besucherzahlen variieren in der Berichterstattung: Während vorarlberg.ORF.at über 20.000 Menschen zählte, gingen die Verantwortlichen laut a3BAU insgesamt von etwa 26.000 Besuchern aus.
Die Präsentation der Maschinen diente als physischer Beweis für den technologischen Aufstieg. Neben dem aktuell größten in Nenzing gefertigten Raupenkran, dem LR 1400, und dem LMD 1200 Seilbagger stand ein historisches Exponat im Fokus: der HS 870. Dieser erste Seilbagger, der vor fünf Jahrzehnten das Werk verließ, markierte den Beginn der Ära in Nenzing.
Ein besonderer Moment der Demonstration war der Einsatz eines tonnenschweren Bohrgeräts, das präzise genug arbeitete, um den Korken einer Weinflasche zu öffnen. Diese Inszenierung unterstrich den Kontrast zwischen massiver Gewalt und feinster Steuerung, der die modernen Geräte auszeichnen.
Technologischer Sprung: Von Kohlefaser zu vollelektrischen Antrieben
75 Jahre Liebherr
Liebherr Nenzing hat seine Marktposition durch eine aggressive Innovationsstrategie gesichert. Ein Wendepunkt war das Jahr 2007, als das Unternehmen als erster Kranhersteller weltweit Kohlefasertechnologie in den Kranbau integrierte. Diese Materialinnovation ermöglichte eine signifikante Gewichtsreduktion bei gleichzeitiger Steigerung der Traglast.
Die aktuelle Strategie fokussiert sich auf die Dekarbonisierung des Baustellensektors. Neben dem Hybridantrieb Pactronic® und dem batteriebetriebenen Großdrehbohrgerät LB 16 unplugged präsentierte das Werk im Rahmen der Jubiläumswoche sechs Produktneuheiten.
HS 8100.2 dual power: Der erste vollelektrische Seilbagger aus Nenzing. Er verfügt über eine integrierte Batterie und kann je nach Infrastruktur vollständig über Baustellenstrom oder über einen integrierten Dieselgenerator betrieben werden.
Aufsteckmäkler mit Hydraulikhammer H 10: Ein System, das Rammarbeiten ohne spezifisches Rammgerät ermöglicht und flexibel an Krane oder Seilbagger montiert wird. Er erreicht einen Wirkungsgrad von 95 Prozent und zeichnet sich durch ein lärmreduziertes Design aus.
Diese Entwicklung spiegelt sich in externen Bewertungen wider. Im Jahr 2026 erhielt das Unternehmen die EcoVadis-Platinmedaille. Diese Auszeichnung kennzeichnet die besten ein Prozent aller weltweit bewerteten Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit.
Strategische Implikationen für den Standort Vorarlberg
Die wirtschaftliche Verflechtung des Werks mit der Region Vorarlberg ist tiefgreifend. Als zweitgrößter Arbeitgeber der Region stabilisiert Liebherr nicht nur den lokalen Arbeitsmarkt, sondern zieht durch die Beschäftigung von Fachkräften aus 46 Nationen internationale Expertise nach Österreich.
Die Verlagerung der Produktion und die spätere Spezialisierung zeigen, dass die Flexibilität in der Produktpalette entscheidend für das Überleben im globalen Maschinenbau ist. Der Verzicht auf die ursprüngliche Schiffskran-Produktion zugunsten von hochspezialisierten Bohr- und Hebetechniken hat Nenzing immun gegen regionale Marktschwankungen gemacht, da die Absatzmärkte nahezu weltweit verteilt sind.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die vollelektrischen Lösungen wie der HS 8100.2 dual power den Standard auf Baustellen setzen können, die oft noch über eine mangelhafte Ladeinfrastruktur verfügen. Die Integration von Dieselgeneratoren als Backup-Lösung ist hierbei ein pragmatischer Zwischenschritt, um die Akzeptanz der emissionsarmen Technik im harten Baustellenalltag zu erhöhen.
David Falk verantwortet das Wirtschafts- und Unternehmensressort von Germanic Nachrichten. Er berichtet ueber Maerkte, Mittelstand, Innovation und strategische Entwicklungen in deutschen und internationalen Unternehmen.
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