Ukrainische Drohnenangriffe auf drei Rechenzentren des russischen Internetkonzerns Yandex haben im Oktober geführt zu massiven Ausfällen und einem drastischen Einbruch des automatisierten Datenverkehrs. Ob die Attacken jedoch auch russische Social-Media-Desinformationskampagnen und politische Bot-Netzwerke in westlichen Ländern stoppten, ist umstritten und lässt sich anhand der bisherigen Netzwerkanalysen nicht belegen.
Drohnenangriffe auf Yandex-Rechenzentren und der Einbruch des Bot-Traffics
Zwischen dem 7. und 11. Oktober trafen ukrainische Drohnen insgesamt drei Rechenzentren des Unternehmens Yandex in Russland. Der erste Angriff ereignete sich am 8. Oktober, gefolgt von einer zweiten Attacke am Folgetag. Am Sonntag, dem 11. Oktober, traf ein dritter Angriff ein Rechenzentrum in der Region Wladimir östlich von Moskau. Yandex, das oft als Russia’s Google
bezeichnet wird, musste die Arbeit in der betroffenen Anlage vollständig einstellen, wie die BBC berichtete.
Die Schläge gegen die digitale Infrastruktur zielten darauf ab, Einnahmequellen für Moskaus Kriegswaschinerie zu treffen. In der Folge brachen nicht nur Yandex-Dienste wie KI-Chatbots und Smart-Home-Anwendungen zusammen, sondern auch die Netzwerkinfrastruktur. Eine Analyse von Cloudflare-Daten durch die Plattform The Deep Dive zeigte, dass der automatisierte Netzwerkverkehr des Yandex-Netzwerks nach dem 8. Oktober stark einbrach und bis zum 11. Oktober fast vollständig zum Erliegen kam. An einem Punkt maß dieser Datenverkehr nur noch 0,3 Prozent des Scheitelwerts im Vergleich zu 88,2 Prozent zur gleichen Stunde in der Vorwoche.
Reaktionen auf X und Threads über vermeintlich schweigende AfD- und GOP-Bots
In den sozialen Netzwerken wie X und Reddit sowie auf Threads verbreitete sich rasch das Gerücht, dass die Angriffe auch politische Desinformationskampagnen lahmgelegt hätten. So äußerten unter anderem der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský und Robin Schlingheider die Annahme, dass die Aktivität von Social Bots, die Parteien wie die AfD unterstützen, spürbar zurückgegangen sei. Ähnliche Berichte kursierten zu pro-GOP-Konten in den USA.
Ukrainische Stellen griffen diese Beobachtungen ebenfalls auf. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am Montag auf dem Warschauer Sicherheitsforum, dass alle bemerkt hätten, wie die Aktivität russischer Bots in den sozialen Medien nach den Angriffen nachgelassen habe. Auch ein Bericht von U24 Media, dem Portal der ukrainischen Regierung, trug zur Verbreitung dieser Annahme bei.
Unterschiede zwischen technischem Crawler-Traffic und Social-Media-Bots
Fachleute und Analysten weisen jedoch darauf hin, dass die Gleichsetzung von technischem Netzwerkverkehr und politischer Propaganda irreführend ist. Der plötzliche Rückgang betraf das Autonome System AS13238 von Yandex, wie der US-Dienstleister Cloudflare ausweist. Dabei handelt es sich um maschinellen Datenverkehr, der Suchmaschinen-Crawler, API-Abfragen und KI-Anwendungen umfasst. Yandex betreibt Russlands größte Suchmaschine, deren automatisierte Suchroboter das Netz ständig durchforsten.
Wenn diese Rechenzentren ausfallen, bricht der technische Datenverkehr ein, unabhängig davon, ob Troll-Accounts aktiv sind oder nicht. Der Regensburger Informatik-Professor Raphael Wimmer sowie Josef Holnburger, der Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), bezweifelten den vermeintlichen Einbruch rechter Propaganda-Bots. Holnburger erklärte gegenüber Netzpolitik, dass seine Organisation keinen Rückgang anorganischer Interaktionen erkennen könne und dass solche Aktivitäten am Wochenende ohnehin schwankten. Entwickler Michael Paulauski veröffentlichte zudem Daten, die zeigten, dass die Interaktionen auf dem X-Konto der AfD bis zum 9. Oktober nicht eingebrochen waren.
Globale Infrastruktur russischer Einflusskampagnen
Zusätzlich betreiben Einflussnetzwerke ihre Kampagnen längst nicht mehr ausschließlich über Server in Russland. Wie Analysen zeigen, greifen Desinformationsnetzwerke häufig auf global verteilte Cloud-Infrastrukturen oder bezahlte menschliche Arbeitskräfte zurück. Berichte verweisen beispielsweise darauf, dass Akteure in Osteuropa wie in Lettland Personen bezahlen, um politische Inhalte zu verbreiten, wobei Abrechnungen pro Aufruf erfolgen.
Während die Bombardierungen der Rechenzentren in Russland spürbare Ausfälle bei Bezahl-Apps, Kartendiensten und Websites verursachten, bleibt die Frage, ob damit das russische Online-Propagandamaschinerie dauerhaft getroffen wurde, ein weitreichender Anspruch ohne Belege.
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