Wissenschaftler haben durch die Analyse antiker Proteine erstmals ein konkretes Gesichts- und Körperprofil der Denisowans rekonstruiert. Eine Neugestaltung der Xujiayao-Fossilien aus China zeigt, dass diese ausgestorbenen Frühmenschen dicke Schädelknochen, flache Gesichter und markante Überaugenwülste besaßen.
Lange Zeit war dieser rätselhafte Menschentyp der Wissenschaft kaum greifbar. Die erste Entdeckung der Denisowans stammte aus dem Jahr 2010 aus einer Höhle in Sibirien, wo Forscher lediglich ein einzelnes Fingerknöchelchen analysiert hatten. Ausgrabungen und Funde blieben über Jahre hinweg fragmentarisch. Nun verbindet eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Untersuchung molekulare Evidenz mit umfangreichen Fossilsammlungen in Nordchina.
Proteinanalyse an den Xujiayao-Fossilien
Die entscheidenden Proben stammten aus dem archäologischen Fundort Xujiayao in Nordchina. Die dortigen Knochen und Zähne waren bereits in den späten 1970er Jahren ausgegraben worden, lange bevor jemand wusste, dass Denisowans existierten. Damals datierten Forscher die Funde auf ein Alter von 138.000 bis 199.000 Jahren und hielten sie wahlweise für Neandertaler oder archaische Homo sapiens.
Da herkömmliche DNA in den antiken Überresten nicht überdauert hatte, griff ein internationales Forscherteam unter Leitung von Fu Qiaomei vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften auf die Paläoproteomik zurück. Durch die Untersuchung von Knochen- und Zahnproteinen konnten die Wissenschaftler 18 endogene Proteine extrahieren. Dabei stießen sie auf eine spezifische Mutation im Kollagengen COL1A2, genauer gesagt auf die Variante COL1A2-996K.
Laut Around Prague erklärten die Autoren der Studie: „Molekulare Phylogenie und gemeinsame morphologische Merkmale ordnen die Xujiayao-Funde, die ursprünglich verschiedenen Abstammungslinien zugewiesen wurden, den Denisowans zu.

Zwischen 1976 und 1979 wurden an der Fundstelle in Xujiayao insgesamt 20 menschliche Fossilien geborgen, darunter Schädelreste, Unterkiefer und Zähne, die mindestens 16 Individuen in verschiedenen Lebensabschnitten zugeordnet wurden. Die Fundstätte gilt als einer der am klarsten stratigraphisch dokumentierten und fundreichsten Frühmenschenplätze des späten Mittelpleistozäns in Ostasien. Die Überreste stammen aus einer als Marine Isotope Stage 6 bekannten Kaltzeit, was darauf hindeutet, dass das relativ warme Klima und die reichhaltigen Nahrungsressourcen des Yunnan-Guizhou-Plateaus einen günstigen Lebensraum boten.
Konkrete Gesichtsmerkmale und Körperbau
Die genetische Zuordnung der Xujiayao-Fossilien ermöglichte es dem Team um Qiaomei Fu und Xing Song, die Schädelknochen und Zähne im Detail zu vermessen. Mittels dreidimensionaler Rekonstruktionen erstellten die Anthropologen ein anatomisches Profil. Die Daten zeigen, dass die Denisowans niedrige, vergleichsweise flache Schädel mit massiven Überaugenwülsten und stark verdickten Knochen besaßen. Ihre Gesichter waren flach geformt, während der Kiefer nicht extrem weit nach vorne ragte.
Zusätzlichen Aufschluss lieferte ein im Südwesten Chinas gefundener Unterarmknochen (Radius) aus der Bianfu-Höhle, die ebenfalls Denisowans zugeordnet wurde.

Sally Wasef sagte gegenüber ZME Science: „Wir beginnen endlich, den Denisowans ein Gesicht zu geben.
Zudem verfügen alle bisher beprobten Denisowans über eine Aminosäure namens Lysin an einer bestimmten Stelle, während Neandertaler und moderne Menschen dort Arginin tragen.
Ordnung im ostasiatischen Stammbaum
Die neuen Proteindaten klären auch langjährige taxonomische Debatten in der Paläoanthropologie. Bisher hatten Forscher Schwierigkeiten, zahlreiche ostasiatische Frühmenschenfunde aus dem Mittelpleistozän eindeutig einzuordnen. Die morphologischen Übereinstimmungen zwischen Xujiayao, dem nahezu vollständigen Schädel aus Harbin sowie Funden aus Fundstätten wie Dali, Jinniushan und Hualongdong legen nahe, dass es sich hierbei im Wesentlichen um Angehörige derselben breiten Denisovan-Linie handelt.
Dennoch betonen Experten, dass eine gewisse anatomische Bandbreite existierte. Fabrice Demeter, Paläoanthropologe an der Universität Kopenhagen, weist darauf hin, dass eine Population, die über einen so langen Zeitraum hinweg ein derart riesiges geografisches Gebiet von Sibirien bis in den subtropischen Süden Asiens besiedelte, zwangsläufig morphologische Unterschiede ausbildete.

Fabrice Demeter erklärte gegenüber Gizmodo: „Diese könnten eine Menge morphologischer Variationen entwickelt haben, die uns durchaus überraschen können, wenn die Fossiliensammlung wächst.
Die Denisowans bewohnten von vor etwa 300.000 bis circa 45.000 Jahren – möglicherweise sogar länger – ein riesiges Gebiet, das den Nordosten Ostasiens, das Qinghai-Xizang-Plateau, den Südwesten und Südosten Chinas sowie Teile Südostasiens umfasste. Die neuen Ergebnisse widersprechen der Ansicht, dass die Genetik in Ostasien während des Mittelpleistozäns zwischen 129.000 und 774.000 Jahren besonders „chaotisch“ war.”