Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) steht unter Druck, nachdem Berichte belegen, dass er zahlreiche Reden und Gastbeiträge mithilfe von Künstlicher Intelligenz verfasst hat. Ein Sprecher seines Ministeriums bestätigte am 12. Juni 2026 den Einsatz von KI als Arbeitswerkzeug, räumte jedoch ein, dass Redaktionen über die Unterstützung nicht informiert wurden.
Die Pangram-Analyse: Welche Texte von KI stammen
Photo: Tagesspiegel
Die Kontroverse begann mit einer Recherche von DIE ZEIT, die eine Analysesoftware namens Pangram einsetzte, um die Texte des Ministers auf KI-typische Muster zu prüfen. Die Ergebnisse zeichnen das Bild eines Ministers, dessen öffentliche Kommunikation massiv von Algorithmen geprägt ist.
Besonders deutlich wird dies bei spezifischen Veröffentlichungen. Ein im April 2026 im Handelsblatt erschienener Artikel, der unter Wildbergers Namen veröffentlicht wurde, stammte laut der Analyse fast vollständig von einer KI. Ein ähnliches Bild ergibt sich für einen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) aus dem März, der zum überwiegenden Teil generiert wurde.
Die algorithmische Handschrift beschränkt sich jedoch nicht auf Gastbeiträge. Die Analyse ergab, dass eine Rede vor dem Atlantic Council in Washington, D. C. im Juli 2024 komplett von einer KI stammte. Auch mehrere Reden im Bundestag seien zu größeren Teilen maschinell erstellt worden.
Wildberger selbst ist kein distanzierter Beobachter dieser Technik. Er gab im Dezember gegenüber der Presse an, oft ein bis zwei Stunden täglich mit KI-basierten Chatbots zu verbringen.
Die Verteidigung des Ministeriums: KI als Sparringspartner
Das Digitalministerium reagierte auf die Vorwürfe nicht mit einer Leugnung, sondern mit einer strategischen Rechtfertigung. Ein Sprecher bestätigte t-online den Einsatz der Technologie.
„Minister Wildberger nutzt es als Unterstützung, weil er überzeugt ist, dass Deutschland den produktiven und zugleich maßvollen Umgang mit KI schnell lernen muss. Das gilt für die Wirtschaft, die Verwaltung und auch für die Politik.“
Photo: T-Online
Sprecher des Digitalministeriums
Um den Vorwurf der geistigen Faulheit zu entkräften, beschrieb das Ministerium einen strukturierten Workflow. Jede Rede beginne demnach mit einer Vorbesprechung zwischen dem Minister und dem Redenreferat über Struktur, Wirkung und Kernaussagen. Erst danach erarbeite das Referat die Inhalte, wobei die KI lediglich als Werkzeug diene.
Gedankenordnen: Strukturierung von komplexen Themen.
Effizienz: Vorschläge für Kürzungen und Schärfung der Struktur.
Validierung: Menschliche Prüfung zur Vermeidung von Halluzinationen.
Die zentrale These des Ministeriums: Die Verantwortung liege stets beim Menschen, der prüfen, ändern und entscheiden müsse.
Das Transparenzproblem gegenüber den Medien
Photo: Kurier
Der eigentliche politische Konflikt entzündet sich weniger an der Nutzung der KI als an der verschwiegenen Art und Weise ihrer Anwendung. Wie der Tagesspiegel berichtet, wurde weder dem Handelsblatt noch der FAS mitgeteilt, dass die Texte KI-generiert waren.
Das Ministerium sieht darin jedoch keinen Verstoß gegen journalistische oder politische Standards. Ein Sprecher erklärte, dass eine gesonderte Offenlegung nicht erfolgte, da die KI als unterstützendes Arbeitsmittel betrachtet werde. Die Nutzung werde in diesem Sinne nicht anders bewertet als der Einsatz von Textverarbeitungsprogrammen, Recherche-Tools oder allgemeiner redaktioneller Unterstützung.
Diese Gleichsetzung von einem Rechtschreibprogramm und einem generativen Sprachmodell, das eigenständig Argumentationsketten entwirft, ist der Kern der Kritik. Während ein Word-Dokument die Form wahrt, bestimmt die KI bei Wildberger oft den Inhalt.
Ein Muster innerhalb der CDU: Der Fall Mario Voigt
Photo: DIE ZEIT
Wildberger ist kein Einzelfall innerhalb seiner Partei. Laut Kurier geriet bereits der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) in die Kritik. Bei Voigt war die Kritik jedoch weitaus schärfer, da die KI in Kontexten eingesetzt wurde, die eine hohe emotionale und moralische Authentizität erfordern.
Die Liste der von Voigt KI-gestützten Texte ist brisant:
Politiker
KI-Einsatz bei sensiblen Themen
Kontext
Mario Voigt
Rede zum Holocaust-Gedenktag
Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus
Mario Voigt
Trauerrede
Persönlicher Abschied/Trauerfall
Mario Voigt
Neujahrsansprache
Strategische Jahresausrichtung
Während Wildberger die KI-Nutzung als Teil seiner Rolle als Digitalminister legitimiert, wirkt der Einsatz bei Voigt wie ein Bruch mit der Erwartung an politische Empathie. Dennoch zeigt sich ein Trend: Die CDU-Spitzen in verschiedenen Bundes- und Landesebenen experimentieren mit der Effizienzsteigerung durch Algorithmen, oft auf Kosten der transparenten Kommunikation.
Für Wildberger ergibt sich daraus eine paradoxe Situation. Als Minister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung ist er der Chef der Behörde, die den Umgang mit diesen Technologien definieren soll. Dass er die KI nun als „Arbeitswerkzeug“ verteidigt, könnte als Vorbild für eine moderne Verwaltung gewertet werden – oder als Beleg für eine Entfremdung zwischen politischer Führung und authentischer Kommunikation.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Redaktionen der betroffenen Zeitungen eine nachträgliche Kennzeichnung fordern oder ob die Praxis, KI-Texte als eigene Gedanken auszugeben, in der politischen Klasse Deutschlands zur neuen, ungeschriebenen Norm wird.
Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.
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