Bei den israelischen Parlamentswahlen am 27. Oktober 2026 ist die Wahlbeteiligung auf 77,7 Prozent gestiegen, den höchsten Wert seit 1999. Erste Nachwahlbefragungen zeigen eine schwere Niederlage für das rechts-religiöse Lager von Premierminister Benjamin Netanyahu, während die Opposition unter Gadi Eisenkot und arabische Parteien deutliche Gewinne verbuchen.
Wahlbeteiligung erreicht Höchststand seit 1999
Die israelischen Wähler sorgten am Dienstag für eine historische Rekordbeteiligung. Nach Angaben der zentralen Wahlkommission gaben 77,7 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Dies entspricht einem Anstieg von 7,1 Prozentpunkten im Vergleich zur Knesset-Wahl 2022 und markiert die höchste Beteiligung bei einer Parlamentswahl seit 1999.
Um 18:00 Uhr hatten laut Angaben des kommissarischen Wahlkommissionsleiters Dean Livne bereits mehr Bürger ihre Stimme abgegeben als im gesamten Verlauf der vorherigen Wahl bis zum Schließen der Wahllokale. Angesichts des Andrangs wies die Wahlbehörde letzte Anträge von Netanyahus Likud-Partei auf eine Verlängerung der Öffnungszeiten über 22:00 Uhr hinaus ab. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden von Schin-Bet-Chef David Zini als geordnet und sicher eingestuft.
Netanyahus Koalition verliert Mandate im Parlament
Die ersten von den drei großen Fernsehsendern veröffentlichten Nachwahlbefragungen nach Schließung der Wahllokale offenbaren ein politisches Beben. Das bisherige rechts-religiöse Bündnis von Premierminister Benjamin Netanyahu stürzt demnach von bisher 68 auf rund 50 Sitze in der 120 Sitze umfassenden Knesset ab. Netanyahus Likud-Partei wird voraussichtlich mit 25 Mandaten stärkste Kraft bleiben, verfehlt jedoch gemeinsam mit ihren traditionellen Partnern deutlich die notwendige Mehrheit von 61 Sitzen.
Netanyahu, der seit 1996 in mehreren Amtszeiten als Regierungschef gedient hat, hatte den Urnengang als Referendum über seine Sicherheits- und Wirtschaftspolitik im Schatten der anhaltenden Konflikte im Gazastreifen, im Libanon und im Iran positioniert. Noch kurz vor Schließung der Wahllokale wandte sich Netanyahu in sozialen Netzwerken mit einem dringenden Appell an seine Anhänger, um eine Niederlage abzuwenden. Aus dem Ausland erhielt er derweil Rückendeckung: Der ehemalige US-Präsident Donald Trump bekräftigte im Vorfeld erneut seine Unterstützung für Netanyahu als Kriegspremierminister.
Gadi Eisenkots Yashar-Partei und der Aufstieg arabischer Listen
Demgegenüber konnte das Mitte-Bündnis Yashar unter der Führung des ehemaligen Generalstabschefs Gadi Eisenkot spürbare Erfolge erzielen und liegt in den Projektionen je nach Sender bei 21 bis 23 Sitzen. Eisenkots Anhänger feierten die ersten Ergebnisse in Tel Aviv, auch wenn politische Beobachter betonen, dass schwierige Koalitionsverhandlungen bevorstehen.
Ein entscheidender Faktor des Wahlabends ist der starke Zuwachs der palästinensischen Parteien in Israel. Ihre Vertretung im Parlament springt voraussichtlich von bisher 10 auf 17 bis 18 Sitze. Die Wahlbeteiligung in arabisch geprägten Regionen erreichte nach offiziellen Angaben rund 80 Prozent. Wähler wie die 30-jährige Krankenschwester Nur Abu Na äußerten scharfe Kritik an der bisherigen Politik und trieben die Beteiligung in ihrer Gemeinschaft an.
Die Opposition steht nun vor der komplexen Aufgabe, entweder eine regierungsfähige Mehrheit zu formen oder eine Pattsituation zu überwinden, die das Land ähnlich wie die politische Krise zwischen 2019 und 2022 in fortlaufende Neuwahlen stürzen könnte. Gadi Eisenkot hat Bedingungen für mögliche Koalitionsgespräche mit arabischen Fraktionen formuliert, zu denen unter anderem das Bekenntnis zu Israel als jüdischem und demokratischem Staat sowie die Verurteilung der Hamas gehören.
Internationale Reaktionen und Diaspora-Ängste
Die Auswirkungen der israelischen Parlamentswahl schlagen derweil international Wellen. Vertreter jüdischer Gemeinden in Norwegen, Mexiko und den Vereinigten Staaten äußerten gegenüber Medien die Sorge, dass das Wahlergebnis und die weltweite Polarisierung bezüglich Israels Politik auf sie im Ausland zurückfallen könnten.
Robert Hercz, der Leiter von B’nai B’rith Norway, erklärte, die anhaltende Fixierung europäischer Länder auf die israelische Innenpolitik führe dazu, dass die jüdische Diaspora mit einer pauschalen Mitverantwortung für die Handlungen der israelischen Regierung belegt werde. Während die amtliche Auszählung der Stimmen läuft und offizielle Ergebnisse in den kommenden Tagen erwartet werden, bleibt die politische Zukunft Israels vorerst ungewiss.