Urs Lehmann ist am 5. Juni 2026 mit sofortiger Wirkung als CEO des Weltskiverbands FIS zurückgetreten. Der 57-Jährige, der das Amt erst im September 2025 antrat, bricht damit die Zusammenarbeit mit Präsident Johan Eliasch ab. Grund ist ein massiver Streit über die prekäre finanzielle Lage des Verbandes kurz vor der Präsidentschaftswahl.
Es ist ein Beben in der Ski-Welt, das kaum jemand in dieser Härte erwartet hätte. Dass eine Zusammenarbeit, die erst vor zehn Monaten als strategisches Bündnis gefeiert wurde, so abrupt scheitert, ist mehr als ein personelles Problem. Es ist ein Symptom für eine tiefe institutionelle Krise innerhalb der FIS. Wie 20min.ch berichtet, ist Lehmanns Abgang die direkte Folge eines fundamentalen Dissenses über die finanzielle Überlebensfähigkeit des Verbandes.
Die Warnung vor dem finanziellen Kollaps
Im Zentrum des Zerwürfnisses steht eine gegensätzliche Wahrnehmung der Bilanzen. Während Präsident Johan Eliasch öffentlich beteuert, die Finanzen seien absolut im Fahrplan, zeichnet Lehmann ein düsteres Bild. Laut Blick warnte der scheidende CEO gegenüber Swiss-Ski, dass der Verband bei gleichbleibendem Kurs in zwei Jahren pleite sein werde.

Diese Einschätzung ist kein isoliertes Gefühl, sondern stützt sich auf alarmierende Zahlen. Der FIS-Athletensprecher AJ Ginnis legte bereits vor wenigen Wochen offen, wie massiv das Eigenkapital der FIS geschrumpft ist.
- Eigenkapital vor fünf Jahren: 130 Millionen
- Aktuelles Eigenkapital: knapp 43 Millionen
Die Neue Zürcher Zeitung ergänzt diese Sichtweise mit Informationen, wonach unter der Präsidentschaft von Eliasch zwischen 80 und 100 Millionen verloren gegangen sein sollen. Dass Lehmann diese Warnungen intern und extern aussprach, empfand Eliasch offenbar als Vertrauensbruch. Der CEO fiel seinem Präsidenten in den Rücken – und zahlte den Preis mit seinem Posten.
Machtkampf vor der Wahl in Belgrad
Der Zeitpunkt des Rücktritts ist kein Zufall. Am 10. und 11. Juni steht in Serbien die Wahl des FIS-Präsidenten an. Johan Eliasch kämpft um seine Wiederwahl, doch der Wind hat sich gedreht. Der Rücktritt Lehmanns wirkt wie ein Brandbeschleuniger für die Opposition.

Besonders Swiss-Ski hat die Fronten bereits klar gezogen. Diego Züger, Co-CEO von Swiss-Ski, kritisierte gegenüber SRF nicht nur die Finanzen, sondern auch eine mangelhafte Governance, fehlende Transparenz und eine defizitäre Kommunikation. Züger bezeichnete Eliasch bereits Mitte Mai als nicht wählbar.
Die Zusammenarbeit von Urs Lehmann und FIS-Präsident Johan Eliasch ist gescheitert. Lehmann kündigt seinen Job als CEO. Und hofft, dass es zum Wechsel an der Verbandsspitze kommt.Peter Barandun, Verbands-Boss Swiss-Ski, via Blick
Die Unzufriedenheit reicht bis in die Athletenlager. Spitzenläufer wie Marco Odermatt und Daniel Yule haben sich öffentlich gegen den Präsidenten positioniert. Odermatt kritisierte scharf, dass in den letzten Jahren kaum Fortschritte erzielt worden seien.
Das gescheiterte Experiment eines „Brückenbauers“
Die Ernennung Lehmanns zum ersten CEO der FIS im Sommer 2025 sollte ein Signal der Versöhnung sein. Die beiden Männer waren jahrelange Rivalen; bereits 2021 standen sie sich bei der Präsidentschaftswahl gegenüber, die Eliasch für sich entschied. Die anschließende Zeit im FIS-Council war von Reibereien geprägt, bis eine Phase der Ruhe eintrat und Eliasch Lehmann das neu geschaffene CEO-Amt anbot.
Lehmann wollte als Brückenbauer fungieren und den politischen Krieg beenden. Doch laut NZZ fehlten ihm in der Praxis der notwendige Zugriff auf Informationen innerhalb des Verbandes sowie die erforderliche Handlungsfreiheit. Er war CEO auf dem Papier, aber offenbar nicht in der Macht, die von ihm erwarteten strukturellen Änderungen gegen den Willen des Präsidenten durchzusetzen.
Sein Sprecher Lorenz Furrer betonte, dass Lehmann im Wahlkampf zunehmend zwischen die Fronten geraten sei und den Schritt aus Respekt vor den anstehenden Wahlen unternommen habe. Eine eigene Kandidatur für das Präsidentenamt ist laut SRF nicht geplant.
Die strategische Wette auf einen Regierungswechsel
Lehmanns sofortiger Rücktritt ist taktisch klug. Indem er sich aus der operativen Verantwortung zieht, entgeht er der Rolle des Ausführers eines Systems, das er für bankrott erklärt. Gleichzeitig positioniert er sich als moralische Instanz, die die Wahrheit über die Finanzen ausgesprochen hat.

Es ist eine Wette auf die Abwahl von Eliasch. Sollte der Präsident am kommenden Donnerstag in Belgrad scheitern, wäre der Weg für Lehmann geebnet, unter einer neuen Führung erneut als CEO zurückzukehren. Die Hoffnung des Aargauers ist es offensichtlich, dass die Mitgliedsverbände die Warnungen vor der Pleite ernst nehmen.
Für die FIS bleibt die Situation kritisch. Ein Weltverband, der kurz vor einer entscheidenden Wahl seinen ersten CEO verliert, weil dieser vor dem finanziellen Ruin warnt, steht vor einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem. Die kommenden Tage in Serbien werden entscheiden, ob die FIS einen harten Kurswechsel vollzieht oder ob Johan Eliasch es schafft, die Zweifel an seiner Finanzpolitik und seinem Führungsstil zu überwinden.