Der ukrainische Chefankläger Ruslan Krawtschenko ist nach einer Razzia im Zusammenhang mit einem Korruptionsskandal um illegale Callcenter zurückgetreten. Der Vorfall fällt in eine Zeit schwerer politischer Erschütterungen in Kiew, in der auch der ehemalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorov eine Wiederaufnahme von Wahlen trotz des anhaltenden Krieges gefordert hat.
Rücktritt von Ruslan Krawtschenko nach Razzia wegen Callcenter-Korruption
Nach Angaben der Behörden soll ein Mitarbeiter in Krawtschenko ein Geldwäschenetzwerk angeführt haben. Dieses Netzwerk stand im Verdacht, Schutzgelder von illegalen Callcentern angenommen zu haben, die Online-Betrug betrieben und Millionenbeträge in Vermögenswerte wie Immobilien und Schmuck umwandelten.
Krawtschenko hatte die Vorwürfe am Sonntagabend zunächst noch als völlig unbegründet zurückgewiesen und jegliches Fehlverhalten abgestritten. Er bedankte sich gleichzeitig bei Präsident Wolodymyr Selenskyj und dem Parlament für das entgegengebrachte Vertrauen. Der Präsident hat sich zu dem Rücktritt zunächst nicht öffentlich geäußert.
Forderungen nach Wahlen und Kritik am Regierungsstil
Parallel zu den Ermittlungen im Justizapparat wächst der politische Druck durch Personalwechsel in der Führungsebene. Der im Juli entlassene, populäre ehemalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorov richtete sich in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit und übte scharfe Kritik an der Korruption im Land, die er als Frage der Fähigkeit zu überleben und zu siegen bezeichnete.
Fedorov betonte, dass die Demokratie nicht als Geisel von Russland gehalten werden könne und dass der Krieg aus dem Grund geführt werde, um ein freier europäischer Staat zu bleiben. Er betonte, dass ein legaler, sicherer und realistischer Mechanismus erforderlich sei, um die demokratischen Prozesse in der Ukraine unter den Bedingungen eines langwierigen Krieges wiederherzustellen.
Mychajlo Fedorov, ehemaliger Verteidigungsminister
Fedorov betonte zudem, dass der Vertrauensvorschuss, den die Bevölkerung der Regierung gewährt habe, kein Freibrief sei, sondern die Verpflichtung zu absoluter Ehrlichkeit gegenüber der Gesellschaft bedeute.
Umbrüche im Kabinett und militärische Sicherheitslage
Die politischen Erschütterungen ereignen sich vor dem Hintergrund eines umfassenden Regierungsumbaus. Nachdem Selenskyj im Juli Premierministerin Julija Swyrydenko entlassen und durch Serhij Korezkyj ersetzt hatte, wurde das gesamte Kabinett zu Neuannominierungen gezwungen. In der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, liefen Beratungen über die Bestätigung von Jewhen Chmara als Verteidigungsminister und die Wiederernennung von Andrij Sybiha als Außenminister.
Unterdessen bleibt die Sicherheitslage im Land angesichts anhaltender russischer Angriffe kritisch. In der ostukrainischen Region Charkiw kamen bei Raketenangriffen auf die Ortschaft Petschenihi zehn Menschen ums Leben. Zudem meldete die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), dass eine Drohne eine Bushaltestelle am russisch besetzten Kernkraftwerk Saporischschja getroffen und ein Menschenleben gefordert habe. IAEA-Chef Rafael Grossi forderte ein sofortiges Ende der Angriffe auf das Kraftwerk und dessen Personal, da diese die nukleare Sicherheit massiv gefährden.