Zum Inhalt springen
Welt

Ukraines Drohnentechnologie beschleunigt den Luftkrieg über Russland

Mehrere Flughäfen stellten den Betrieb ein, und das russische Militär meldete den Abschuss hunderter Flugkörper.

Der Drohnenkrieg zwischen der Ukraine und Russland hat eine neue Dimension erreicht. In der Nacht zum 3. Mai 2026 überzogen sich beide Seiten mit gegenseitigen Angriffen aus der Luft, wobei die ukrainischen Langstreckendrohnen tief in russisches Gebiet vordrangen und dort unter anderem Raffinerien attackierten. Bereits am späten Abend wurde in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Luftalarm ausgelöst. Die Flugabwehr trat in Aktion, über der Stadt waren nach Medienberichten zahlreiche Explosionen zu hören, während über eventuelle Drohneneinschläge oder mögliche Opfer oder Schäden zunächst keine Angaben vorlagen.

Allein das russische Militär sprach am Sonntag von 556 abgewehrten Drohnen in einer einzigen Nacht. Zumindest 120 dieser abgefangenen Drohnen waren nach Erkenntnissen in den Luftraum um Moskau eingedrungen, rund 700 Kilometer von der nächsten ukrainischen Grenze entfernt, was 12 Verletzte und den Treffer an einer Ölraffinerie zur Folge hatte. Kiew steigert indessen seine Produktion und technologische Reichweite rasant, nachdem Selenskij Putins Siegesparade am 9. Mai per Dekret „erlaubte“.”

Großflächige Unterbrechungen an Moskauer und Petersburger Flughäfen

Drohnenkrieg jetzt über Russland

Die Angriffe hatten unmittelbare Auswirkungen auf den zivilen Luftverkehr in Russland. Auf den großen Moskauer Flughäfen Wnukowo und Scheremetjewo wurde der Betrieb aus Sicherheitsgründen vorübergehend eingestellt. Ähnliche Sicherheitsmaßnahmen ergriff der Flughafen Pulkowo in St. Petersburg, wo der Flugbetrieb ebenfalls vorübergehend eingestellt wurde.

In der russischen Hauptstadt gab Bürgermeister Sergej Sobjanin später den Abschuss von zwei Drohnen bekannt. Gleichzeitig berichtete der Gouverneur der umliegenden Oblast Leningrad, Alexander Drosdenko, dass mindestens 59 Drohnen abgeschossen worden seien. Die Region war bereits in der Vergangenheit Ziel von Attacken auf wichtige russische Raffinerieanlagen geworden, während die russischen Behörden zu möglichen Flugzielen, Opfern oder Schäden zunächst keine Angaben machten.

Die ukrainische Drohnengroßmacht und der Technologiesprung

Hinter den Angriffen steht ein tiefgreifender Wandel der ukrainischen Rüstungsindustrie. Im vierten Kriegsjahr nach der russischen Vollinvasion hat sich das Land, dessen Volkswirtschaft vor dem Krieg ein Zehntel jener Russlands ausmachte, zur Drohnengroßmacht entwickelt. Die Ukraine setzt Russland mit den neuen Langstreckendrohnen inzwischen nach Belieben zu, womit sie eine wirksame und kostengünstige Alternative zu den so lange geforderten Lenkwaffen des Westens wie den Taurus-Marschflugkörpern entwickelt hat. Laut Angaben, die unter anderem Lesia Bidochko vom European Policy Institute in Kiew in einem Gastbeitrag in der NZZ schilderte, ist es Kiew gelungen, eine schlagkräftige Privat-Industrie aufzubauen. 500 Unternehmen gibt es inzwischen in der Ukraine, die FPV-Drohnen (First Person View) produzieren, wobei 40 bis 50 davon zur Spitzenklasse gehören und der Privatsektor etwa 90 Prozent der FPV-Produktion ausmacht.

Drohnen über der Ukraine und Russland

Dieser Industriezweig arbeitet mit enormen Stückzahlen. Anfang 2026 soll die Ukraine bis zu 1000 Abfangdrohnen täglich produziert haben. Damit holt die Ukraine umgekehrt inzwischen die Mehrzahl der russischen Drohnen vom Typ Shahed vom Himmel, von denen Russland 2025 54.000 gen Ukraine schickte – und das zu einem Bruchteil der Kosten dieser ohnehin schon billigen Drohnen nach iranischem Patent. Eine Abfangdrohne kommt die Ukraine inzwischen auf rund 2.500 Dollar, während eine Shahed-Drohne rund 50.000 Dollar kostet. Zum Vergleich kostet eine einzelne Patriot-Rakete, das Standard-Abfang-Produkt, rund 3 Millionen Dollar, von denen Lockheed Martin, der größte Waffenproduzent der USA, jährlich rund 600 herstellt. Dass diese Rechnung längst nicht mehr aufgeht, zeigte sich auch im Iran-Krieg, wo die Golfstaaten trotz fortschrittlicher Patriot-Systeme mit den Shahed-Drohnen-Angriffen aus dem Iran schnell überfordert waren.

Ukraines Drohnentechnologie beschleunigt den Luftkrieg über Russland
Photo: bluewin.ch

Reaktionen auf die veränderte Bedrohungslage

PUTINS KRIEG: Drohnen aus Russland geborgen! Veteran in Ukraine erklärt Funktionen der Waffe

Neben der Skalierung seiner Drohnen-Produktion ist der Ukraine ein echtes Innovationskunststück gelungen, bei dem die Produzenten in stetem Austausch mit den Einheiten an der Front stehen. Auf einem Video, das ukrainische Streitkräfte selbst veröffentlichten, ist etwa eine Langstreckendrohne zu sehen, die als Trägerdrohne für zwei kleinere FPV-Drohnen fungiert. Ausgestattet mit Starlink-Antennen können sie so tief in russischem Gebiet für präzise Angriffe sorgen, wozu auch Entwickler und Soldaten beitragen, die ihr Handwerk in der aufstrebenden Tech-Szene der Ukraine gelernt haben, in der Robert Brovdi als Befehlshaber der Drohnen-Einheiten der Ukraine vor dem Krieg erfolgreicher Unternehmer war und Kiew rund 400 Start-ups zählte. Die neuen ukrainischen Langstreckendrohnen können inzwischen Ölraffinerien, Munitionsdepots und Militärflugplätze tief im Inneren Russlands angreifen, wobei Ziele in über 1.500 Kilometern Entfernung von der Front bereits getroffen wurden.

Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte angesichts eines Innovationszyklus bei Drohnen zwischen sechs und zwölf Wochen jüngst, dass westliche Staaten ihre Strukturen anpassen müssen: „Wir müssen die Fesseln abwerfen, sagte Pistorius angesichts der Schwerfälligkeit des deutschen Bundeswehrbeschaffungsamts, dessen Einführung des neuen Standard-Sturmgewehres G-95 sich über ein Jahrzehnt zog.

Russia turns to jet-powered drones to overwhelm Ukraine | DW News
Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.