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Über 100 NGOs laufen Sturm gegen Einsatz von KI-Alterserkennung bei minderjährigen Asylsuchenden

Die britische Regierung plant den Einsatz eines KI-Systems zur Altersschätzung von Asylsuchenden, um deren Volljährigkeit festzustellen. Über 100 Menschenrechtsorganisationen, darunter Human Rights Watch, kritisieren diesen Beschluss. Die Entscheidung über den Status als Minderjähriger beeinflusst maßgeblich den weiteren Verlauf des Asylverfahrens und den Zugang zu gesetzlich verbrieften Schutzmaßnahmen.

KI-gestützte Altersschätzung im britischen Asylverfahren

Die britische Regierung hat entschieden, die Volljährigkeit von Flüchtlingen, die im Land ankommen, mithilfe eines KI-Systems schätzen zu lassen, berichtet DER STANDARD. Diese technologische Maßnahme ist kein rein administrativer Vorgang, sondern eine Weichenstellung mit rechtlichen Konsequenzen: Von der Einschätzung des Systems hängt ab, wie das weitere Asylverfahren für die betroffenen Personen verläuft.

Das Vorhaben ist Teil einer Strategie des britischen Home Office, die Prozesse der Altersprüfung zu beschleunigen und die Anzahl der Personen zu reduzieren, die fälschlicherweise als Minderjährige eingestuft werden. Die Implementierung solcher Systeme in staatliche Entscheidungsprozesse stellt einen signifikanten Schritt in der Digitalisierung der Migrationskontrolle dar. Während die Regierung die Effizienz der Altersbestimmung steigern möchte, steht die Validität der zugrunde liegenden Technologie im Zentrum der Kritik.

Im Vergleich zu traditionellen Methoden, wie der Auswertung von Geburtsurkunden oder Befragungen, setzt die KI auf die Analyse biometrischer Daten. Diese Ansätze zielen darauf ab, subjektive menschliche Einschätzungen durch automatisierte Mustererkennung zu ersetzen. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass die Fehlerquoten bei automatisierten Systemen zur Altersschätzung oft signifikant höher sind als die staatlichen Grenzwerte für rechtliche Entscheidungen zulassen.

Kritik von Human Rights Watch und NGO-Bündnissen

Der Beschluss stößt auf massiven Widerstand innerhalb der Zivilgesellschaft. Mehr als einhundert Menschenrechtsorganisationen teilen die Auffassung, dass der Einsatz dieser Technologie inakzeptabel sei. Zu diesem Bündnis gehören neben Human Rights Watch auch Organisationen wie Save the Children und der Joint Council for the Welfare of Children. Die Organisation Human Rights Watch bewertet die Entscheidung der britischen Regierung als Grausam und unverantwortlich.

Aus Sicht der Kritiker handelt es sich bei dem Vorhaben nicht um eine fundierte administrative Lösung, sondern um einen riskanten technologischen Versuch.

Experimentieren mit unausgereifter Technologie, um zu entscheiden, ob einem Kind den Schutz gewährt werden soll, den es dringend benötigt und auf den es einen gesetzlichen Anspruch hat.

Human Rights Watch

Die Organisationen warnen davor, dass durch die Abhängigkeit von einer unzureichend geprüften Software grundlegende gesetzliche Ansprüche auf Schutz für Minderjährige gefährdet werden könnten. In einem offenen Brief an den Home Secretary wird argumentiert, dass die Nutzung solcher KI-Tools gegen internationale Standards verstößt, insbesondere gegen die UN-Kinderrechtskonvention, die das Kindeswohl als vorrangiges Kriterium bei allen staatlichen Maßnahmen festschreibt.

Die Koalition aus NGOs betont, dass die Einführung dieser Systeme in einer Phase erfolgt, in der die britische Regierung gleichzeitig die Hürden für Asylanträge erhöht. Die automatisierte Altersschätzung wird daher als Instrument gewertet, um den Zugang zu spezifischen Unterkünften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Unaccompanied Asylum Seeking Children, UASC) systematisch zu erschweren.

Die technische Problematik der biometrischen Analyse bei Traumata

Ein zentraler Kritikpunkt der Menschenrechtsorganisationen betrifft die biologische und psychologische Grundlage der KI-Alterserkennung. Die Analyse weist darauf hin, dass die biometrischen Merkmale, die ein KI-System zur Altersschätzung heranzieht, nicht stabil sind.

Insbesondere wird davor gewarnt, dass das Trauma einer Flucht das Gesicht eines Kindes tiefgreifend verändern kann, wie aus dem Bericht von DER STANDARD hervorgeht. Für eine KI, die auf statistischen Mustern und Durchschnittswerten basiert, bedeutet dies ein hohes Risiko für Fehlinterpretationen. Wenn physische Anzeichen von Stress, Mangelernährung oder traumatischen Erlebnissen die Gesichtszüge beeinflussen, kann dies zu einer fehlerhaften Einschätzung der Volljährigkeit führen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zu KI-basierten Altersschätzungen, die häufig auf Convolutional Neural Networks (CNNs) basieren, belegen eine hohe Varianz in der Genauigkeit je nach ethnischer Herkunft der untersuchten Personen. Viele dieser Systeme werden mit Datensätzen trainiert, die überproportional viele Personen aus westlichen Industrienationen enthalten. Dies führt zu einem sogenannten „algorithmic bias“, bei dem die Fehlerquote bei Personen aus dem globalen Süden, insbesondere bei Menschen afrikanischer oder asiatischer Herkunft, signifikant ansteigt.

Zudem wird die KI-gestützte Analyse oft in Kombination mit medizinischen Verfahren wie der Skelett- oder Zahnanalysen diskutiert. Die European Society of Radiology (ESR) und die World Medical Association (WMA) haben jedoch bereits wiederholt davor gewarnt, dass radiologische Altersschätzungen (z. B. mittels Handwurzelröntgen) eine Fehlermarge von mehreren Jahren aufweisen können. Die Kombination einer unpräzisen biologischen Methode mit einer statistisch verzerrten KI-Analyse erhöht das Risiko von Fehlurteilen.

In einem Kontext, in dem die Entscheidung über den Status als Kind über den Zugang zu lebensnotwendigem Schutz entscheidet, wiegt die Fehlerrate einer unausgereiften Technologie besonders schwer. Die Kritik verdeutlicht die Diskrepanz zwischen dem staatlichen Wunsch nach einer automatisierten, schnellen Kategorisierung und der komplexen biologischen Realität von Geflüchteten. Die betroffenen Organisationen fordern daher eine sofortige Aussetzung der Pläne, bis eine unabhängige Prüfung der Genauigkeit und Diskriminierungsfreiheit der verwendeten Algorithmen vorliegt.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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