Zum Inhalt springen
Gesundheit

Trichotillomanie: Heidelberger Studie nennt Langeweile als Auslöser

Eine neue Untersuchung des Heidelberger Universitätsklinikums zeigt, dass Langeweile und Müdigkeit oft stärkere Auslöser für Trichotillomanie sind als negative Emotionen. Die Zwangsstörung, bei der Betroffene zwanghaft Haare ausreißen, betrifft rund 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung weltweit und verlangt nach neuen Behandlungsansätzen.

Wer unter extremem Stress steht, flüchtet sich bisweilen in die Redewendung, sich am liebsten die Haare raufen zu wollen. Für Menschen mit Trichotillomanie ist dieser Impuls jedoch blutiger beziehungsweise kahler Ernst. Die psychische Erkrankung zeigt sich in dem ständigen, unwiderstehlichen Drang, sich Haare von der Kopfhaut, aus den Augenbrauen, Wimpern oder anderen Körperregionen auszureißen, wie die Harvard Health ausführt. Betroffene hinterlassen dabei oft kahle Stellen, wobei die Schweregrade stark variieren.

Die Verhaltensweise gehört zu den körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen, den sogenannten Body-Focused Repetitive Behaviors, zu denen auch das Beißen an den Nägeln oder das Zupfen an der Haut zählen. Historisch lässt sich das Phänomen weit zurückverfolgen: Bereits in den Schriften von Hippokrates im Jahr 410 vor Christus sowie bei Aristoteles um 350 vor Christus finden sich laut ScienceAlert frühe Erwähnungen dieses Verhaltens.

Ergebnisse der Heidelberger Studie zu Auslösern

Bislang ging die Forschung vor allem davon aus, dass das Ausreißen der Haare primär der Emotionsregulation dient. Betroffene sollten demnach versuchen, unangenehme Gefühle wie Angst oder Frustration durch die Handlung zu bewältigen. Um das Verhalten in Echtzeit zu untersuchen, begleiteten Forschende am Heidelberger Universitätsklinikum 61 erwachsene Patientinnen und Patienten über einen Zeitraum von zehn Tagen mit Hilfe eines ökologischen Momentaufnahmen-Ansatzes.

Die Teilnehmenden wurden via App mehrfach täglich befragt, was insgesamt 2.557 Momentaufnahmen und 702 konkrete Ausreiß-Episoden lieferte. Die Auswertung zeigte, dass starke Dränge unmittelbar zu entsprechenden Handlungen führen. Vor allem Langeweile erwies sich als prägnanter Prädiktor für nachfolgende oder gleichzeitige Zupf-Episoden. Müdigkeit begünstigte hingegen einen starken Drang, auch wenn sie nicht direkt zum eigentlichen Ausreißen führte.

Wie das Autorenteam im Fachmagazin Comprehensive Psychiatry über ScienceAlert anmerkte, legt insbesondere die durchgehend vorhersagbare Rolle von Langeweile und Müdigkeit nahe, dass Modelle, die sich ausschließlich auf emotionale Dysregulation konzentrieren, möglicherweise nicht ausreichen.

Positive Emotionen waren hingegen mit schwächeren Impulsen verknüpft. Die Studienautoren betonen, dass Behandlungsmodelle, die sich nur auf Stress oder Angst konzentrieren, den zugrundeliegenden Mechanismus der Untererregung oft verfehlen.

Das Dilemma von Scham und sozialem Rückzug

Trotz einer geschätzten Prävalenz von ein bis zwei Prozent ist die Störung in der Öffentlichkeit nach wie vor wenig bekannt. Frauen sind zwar häufiger in Behandlung, neuere Untersuchungen legen jedoch nahe, dass Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sind, wie Nancy Keuthen von der Harvard Medical School betont (Harvard Health). Die mit der Erkrankung einhergehende Isolation ist vor allem für Frauen oft gravierend.

Ruben Chorlton-Owen, ein Betroffener aus Gwynedd, berichtete gegenüber der Presse von seiner jahrzehntelangen Erfahrung mit dem Zwang.

A mature woman looking in a mirror, holding a hand to her hairline
Photo: Harvard

Er erinnerte sich daran, in den Spiegel geblickt und sich gefragt zu haben, was er getan habe, fügte hinzu, dass er begonnen habe, Fotos zu meiden, und bisweilen eine Kappe trug, um lichte Stellen zu verbergen, wie Ruben Chorlton-Owen als Betroffener via BBC schilderte.

Clare Mackay, Professorin für Neurowissenschaften an der Universität Oxford, weist darauf hin, dass die Störung extrem schwer verlaufen und zum Verlust sämtlicher Haare führen kann. Um den kahlen Wuchs zu kaschieren, greifen Betroffene oft zu Perücken, künstlichen Wimpern oder speziellem Make-up. Einige Betroffene sozialisieren sich wegen der enormen Scham kaum noch oder verzichten gar auf berufliche Aufstiegschancen.

Körperliche Folgeschäden und Diagnostik

Trichotillomanie ist nicht nur eine psychische Belastung, sondern zieht bisweilen ernsthafte medizinische Komplikationen nach sich. Wiederholtes Zupfen führt zu Hautschäden, Narbenbildung und chronischem Juckreiz. Manche Betroffene kauen oder schlucken die herausgerissenen Haare herunter. Dies kann im Magen-Darm-Trakt zur Bildung von Haarkugeln führen, die im schlimmsten Fall den Darm blockieren und lebensgefährlich werden können (Harvard Health).

Ruben smiling at the camera, wearing a blue hoodie in front of a row of beach houses
Photo: BBC

Darüber hinaus klagen Erkrankte bisweilen über Folgeschäden am Bewegungsapparat wie ein Karpaltunnelsyndrom oder Nackenbeschwerden durch das ständige, ungewöhnliche Verharren in bestimmten Positionen. Experten raten dazu, ein Tagebuch oder eine App zu führen, um Häufigkeiten und emotionale Auslöser zu dokumentieren, bevor professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Als wirksam gilt vor allem die kognitive Verhaltenstherapie, ergänzt durch medikamentöse Optionen bei starkem Leidensdruck.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.