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Technik und Wissenschaft

TFA: ECHA klassifiziert als schädlich für Fortpflanzung

Die EU-Chemikalienbehörde ECHA hat die Trifluoressigsäure (TFA) als schädlich für die menschliche Fortpflanzung eingestuft. Die Behörde in Helsinki empfiehlt der EU-Kommission nun regulatorische Einschränkungen, da der PFAS-Stoff die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und ungeborete Kinder schädigen kann, wie die aktuelle wissenschaftliche Bewertung der Behörde belegt.

Der wissenschaftliche Bewertungsprozess der ECHA ist die notwendige Voraussetzung für regulatorische Schritte auf EU-Ebene. Sobald die Empfehlung vorliegt, muss die Europäische Kommission rechtlich fundierte Vorschläge erarbeiten, die später im Gesetzgebungsprozess zwischen dem EU-Parlament und dem Rat der Europäischen Union verhandelt werden.

Gefahren für Fortpflanzung und Organfunktionen

Die Risikoprüfung der ECHA hat ergeben, dass die Verwendung von Trifluoressigsäure erhebliche gesundheitliche Risiken birgt. Berichtet das Deutsche Ärzteblatt, kann die Chemikalie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und Schäden bei ungeborenen Kindern verursachen. Die Bewertung umfasst zudem potenzielle Beeinträchtigungen der Schilddrüse und der Leber.

Die Entscheidung der Behörde ist das Ergebnis einer Untersuchung, die letzte Woche abgeschlossen wurde. Die Empfehlung wird nun an die EU-Kommission weitergeleitet, die daraufhin konkrete Vorschläge für neue Einschränkungen ausarbeiten soll.

Unzerstörbarkeit in Wasser und Boden

TFA gehört zur Gruppe der per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS), die aufgrund ihrer biologischen Abbaubarkeit als extrem langlebig gelten. Die chemische Beständigkeit beruht auf der extrem starken Kohlenstoff-Fluor-Bindung. Diese gilt als eine der stabilsten Bindungen in der organischen Chemie, was den natürlichen Abbau durch Mikroorganismen oder physikalische Prozesse in der Umwelt nahezu ausschließt. Laut einer Meldung von Tagesschau wird der Stoff oft als „Ewigkeitschemikalie“ bezeichnet, da er in der Umwelt nicht mehr abgebaut werden kann.

Generation Chemical: How Environmental Exposures are Affecting Reproductive Health and Development
ECHA, via Tagesschau

Die physikalischen Eigenschaften des Stoffes verschärfen das ökologische Risiko. TFA löst sich schnell in Wasser auf und gelangt so in den Boden und schließlich in die Trinkwasserressourcen. Ein kritisches Problem stellt die technische Handhabung dar: Aktuelle Verfahren können TFA nicht aus dem Abwasser filtern. Da TFA eine sehr kleine und hochmobile Molekülstruktur besitzt, stoßen herkömmliche Kläranlagen an ihre technischen Grenzen. Die meisten bestehenden Filtertechnologien sind nicht darauf ausgelegt, solch hochlösliche Verbindungen effektiv aus dem gereinigten Wasser zu entfernen.

  • Industrielle Abgase: Gase aus Auto-Klimaanlagen, Kühlschränken und Wärmepumpen werden durch UV-Strahlung in der Atmosphäre direkt in TFA umgewandelt und regnen anschließend ab.
  • Landwirtschaft: Bei der Zersetzung von Unkraut- und Pilzvernichtungsmitteln, die Fluorverbindungen enthalten, bleibt TFA im Boden zurück.
  • Industrielle Nutzung: Der Stoff dient als Lösungsmittel und Katalysator in der Chemie- und Pharmabranche.
Europäische Umweltorganisationen

Wirtschaftliche Interessen und politische Widerstände

Die geplante Regulierung stößt auf erheblichen Widerstand in der Industrie. Die Pharmaindustrie ist auf TFA angewiesen, um Wirkstoffe für Medikamente, wie etwa gegen Diabetes, herzustellen. Auch Chemiekonzerne nutzen die Substanz als essenzielle Grundchemikalie.

Wirtschaftliche Interessen und politische Widerstände
Photo: aerzteblatt.de

In der politischen Debatte stehen sich ökologische Vorsorge und wirtschaftliche Stabilität gegenüber. Das Bundeswirtschaftsministerium betrachtet ein vollständiges Verbot kritisch, vor allem wegen der Schwierigkeit, PFAS durch weniger schädliche Substanzen zu ersetzen. Die Bundesministerin Katherina Reiche (CDU) lehnte ein allgemeines Verbot bereits in der Vergangenheit ab.

Umweltpolitische Akteure warnen hingegen vor halbherzigen Maßnahmen. Die grüne Europaabgeordnete Jutta Paulus sieht in Teilverboten eine Gefahr für die Innovationskraft, da sie den Druck zur Entwicklung echter Alternativen mindern könnten.

„Dann würde schnell jegliche Forschung an Alternativen eingestellt werden – wenn ich weiß, dass das, was ich ersetzen will, sowieso nie beschränkt werden wird.“

Jutta Paulus, Grüne Europaabgeordnete

Strategie gegen die gesamte PFAS-Gruppe

Die Einstufung von TFA ist Teil einer größeren Strategie der EU-Kommission. Anstatt jede Chemikalie einzeln zu prüfen, wird ein umfassendes Verbot oder eine starke Einschränkung der gesamten PFAS-Gruppe angestrebt. Dieser Ansatz ist Teil des sogenannten „Universal PFAS Restriction Proposal“. Ziel dieses Vorhabens ist es, das sogenannte „Regulierungs-Hopping“ zu verhindern – ein Phänomen, bei dem die Industrie lediglich auf andere, noch nicht regulierte PFAS-Verbindungen ausweicht, sobald ein einzelner Stoff verboten wird.

Ein Blick auf vergangene Maßnahmen zeigt, dass gezielte Verbote Wirkung zeigen können. In der EU sind bestimmte „langkettige“ PFAS bereits seit Jahren untersagt. Daten des Umweltbundesamtes belegen, dass die Konzentration dieser Stoffe im Blut der Bevölkerung seit diesen Verboten zurückgeht.

Der Druck auf die EU-Kommission, den Europäischen Rat und das EU-Parlament wächst nun massiv. Die wissenschaftliche Empfehlung der ECHA bildet die Grundlage für die kommenden politischen Verhandlungen über die Zukunft der PFAS-Regulierung.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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