Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der UCLA wiesen in einer in Nature veröffentlichten Studie nach, dass eine Neandertaler-Population in Belgien und Frankreich vor etwa 45.000 Jahren eine hohe genetische Diversität aufwies. Die Analyse von 27 Individuen widerlegt die Annahme, dass die Art kurz vor ihrem Aussterben einheitlich unter Inzucht litt.
Genetische Vielfalt im Meuse-Becken: Die Daten der 27 Individuen
Die Untersuchung konzentrierte sich auf DNA-Proben von 27 Individuen, die vor 49.000 bis 40.000 Jahren im Meuse-Becken lebten, einem Gebiet, das heute Belgien und Frankreich umfasst. Durch den Einsatz etablierter computergestützter Techniken und einer neu entwickelten Methode konnten die Wissenschaftler die genetische Verwandtschaft innerhalb dieser Gruppe präzise kartieren. Laut einem Bericht der UCLA fanden die Forscher unter den analysierten Proben keine nahen Verwandten bis zum dritten Grad. Das bedeutet, dass keine Individuen eine DNA-Übereinstimmung von etwa 12,5 % aufwiesen, was in etwa der Verwandtschaft zwischen ersten Cousins entspricht. Diese Daten deuten darauf hin, dass die lokale Population groß und gut vernetzt genug war, um Paarungen zwischen nicht nahe verwandten Individuen zu ermöglichen. Die Ergebnisse stehen im Gegensatz zu früheren Beobachtungen an anderen Gruppen. Während einige Neandertaler-Populationen Anzeichen von genetischem Stress zeigten, wirkte die Gruppe in Nordwesteuropa stabil. „In anderen, früheren Neandertaler-Populationen paarten sich nahe Verwandte, was zu einem ungesunden Niveau genetischer Diversität führte, ähnlich wie wir es heute bei einigen gefährdeten Arten sehen. Aber diese Population in Belgien und Frankreich scheint nicht auszusterben, obwohl wir wissen, dass sie am Ende aussterben werden.“ Benjamin Peter, Computergenetiker an der UCLABruch mit dem Narrativ der genetischen Sackgasse
Über Jahrzehnte dominierte die Theorie, dass die Neandertaler als eine einzige, schrumpfende Population endeten, die durch Inzucht und geringe genetische Variabilität geschwächt wurde. Bereits 1997 deuteten DNA-Analysen darauf hin, dass die Homininen „in ihren letzten 20.000 Jahren relativ gering in Zahl und Diversität“ waren, wie der Evolutionsexperte Chris Stringer laut Gizmodo schrieb. Diese Sichtweise wurde durch das Genom eines weiblichen Neandertalers aus dem Altai-Gebirge in Sibirien gestützt, das auf eine langfristige Inzucht in dieser spezifischen Region hindeutete. Die neuen Daten aus Westeuropa zeigen jedoch, dass dieses Bild nicht auf alle Neandertaler übertragbar ist. Die aktuelle Studie revidiert das Verständnis der sozialen Organisation. Anstatt isolierter Kleingruppen, die gezwungen waren, untereinander zu züchten, scheint die Population im Meuse-Becken Teil eines größeren, vernetzten regionalen Systems gewesen zu sein. „Diese Studie unterstreicht die Kraft der alten DNA, Variationen innerhalb der Neandertaler auf einer viel feineren Ebene aufzudecken, als dies zuvor möglich war. Anstatt die späten Neandertaler als eine einzige schrumpfende Population zu betrachten, beginnen wir ein komplexeres Bild regionaler Diversität, Konnektivität und Populationsgeschichte zu erkennen.“ Janet Kelso, Forscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre AnthropologieMütterliche Linien und väterliche Diversität

- Mütterliche Linie: Die meisten Individuen gehörten zu einer großen Linie, die auch bei späten Neandertalern in Süd- und Südwesteuropa verbreitet war. Dies belegt gemeinsame weibliche Vorfahren über weite Distanzen.
- Väterliche Linie: Daten von drei männlichen Individuen zeigten, dass sie nicht zu einer einzigen Linie gehörten. Jeder von ihnen hatte unterschiedliche männliche Vorfahren.
- Genetische Marker: Die Forscher suchten nach identischen Basenpaaren-Abschnitten. Solche Sequenzen entstehen häufiger, wenn Eltern verwandt sind. In der untersuchten Gruppe in Belgien und Frankreich fehlten diese Anzeichen für eine ausgeprägte Inzuchtdepression.
Das Paradoxon des plötzlichen Verschwindens
Die Entdeckung einer gesunden, genetisch diversen Population wirft eine zentrale Frage auf: Warum verschwand diese Gruppe dennoch etwa 2.000 Jahre nach dem untersuchten Zeitraum? Die Daten zeigen, dass die Neandertaler im Meuse-Becken zur Zeit ihrer Untersuchung keine Anzeichen von genetischem Stress durch die Ankunft des modernen Menschen (Homo sapiens) aufwiesen, obwohl beide Arten im selben Gebiet lebten. Die in Nature veröffentlichten Ergebnisse legen nahe, dass das Aussterben der Neandertaler nicht uniform verlief. Während einige Gruppen über lange Zeiträume demografisch schrumpften, verschwanden andere, wie die Population in Belgien und Frankreich, möglicherweise abrupt. Wissenschaftler diskutieren verschiedene Faktoren für diesen Kollaps:| Hypothese | Mechanismus |
|---|---|
| Klimawandel | Drastische Umweltveränderungen, die die Ressourcenbasis zerstörten. |
| Ressourcenkonkurrenz | Überlegenheit des Homo sapiens bei der Jagd und Nahrungssuche. |
| Interbreeding | Absorption der Neandertaler-Populationen in größere Gruppen moderner Menschen. |
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