Spermidin gilt als gefragter Hoffnungsträger für die zelluläre Selbstreinigung und ein längeres Leben. Doch während großangelegte Humanstudien enttäuschende Ergebnisse liefern, warnen Krebsforscher vor einer möglichen Schattenseite, da Tumoren die Substanz für ihr Wachstum nutzen können.
Der natürliche Stoff Spermidin, der reichlich in Weizenkeimen, Pilzen und gereiftem Käse vorkommt, ist aus der Longevity-Szene kaum noch wegzudenken. Kapseln aus Weizenkeimextrakt versprechen in Drogerien und Online-Shops eine Verlangsamung des Alterungsprozesses. Wie aktuelle Berichte zeigen, weckt der Stoff jedoch nicht nur in der Forschung große Hoffnungen, sondern wirft auch ernsthafte Fragen auf.
Was Studien über die Wirkung von Spermidin beim Menschen verraten
Die Idee hinter der Einnahme ist simpel: Im Körper sinkt der Spermidingehalt mit zunehmendem Alter ab, während das Fasten den Spiegel laut einer internationalen Studie der Universitäten Graz und Bonn aus dem Jahr 2024 deutlich ansteigen lässt. Organismen, die kein Spermidin bilden konnten, profitierten vom Fasten nicht. Die Annahme, dass zusätzliche Zufuhr die zelluläre Müllabfuhr ankurbelt, funktioniert bei Mäusen tadellos – für den Menschen ist der Nachweis bis heute jedoch offen.
Eine rund 20 Jahre lang von der Medizinischen Universität Innsbruck begleitete Ernährungsstudie an rund 800 Menschen im südtirolerischen Bruneck ergab zwar, dass Menschen mit hoher Spermidinaufnahme im Schnitt fünfeinhalb Lebensjahre länger lebten. Dennoch bleibt eine Fußnote bestehen: Wer sich ballaststoff- und gemüsereich ernährt, lebt meist auch sonst gesünder, sodass eine reine Beobachtungsstudie den genauen Kausalzusammenhang nicht abschließend klären kann.
Der Umbau im Darm und die Risiken für Krebserkrankungen
Forscher der Universität Lübeck gaben gesunden Testpersonen hohe Dosen Spermidin. Im Blut fanden sie danach jedoch nicht den Wirkstoff selbst, sondern vermehrt Spermin, einen chemischen Verwandten. Offenbar wird ein beträchtlicher Teil bereits im Darm umgebaut, ein Befund, den eine US-Studie mit sehr hohen Dosen bestätigte. Schädlich waren die Dosen in den Untersuchungen zwar nicht, doch die Wirksamkeit von Kapseln ist laut der Verbraucherzentrale unklar.
Noch schwerwiegender ist die Kehrseite, die Krebsforscher auf den Plan ruft. Spermidin hilft Zellen beim Wachsen und Teilen – ein Prozess, von dem auch bestehende Tumoren profitieren, da sie Polyamine für ihren Stoffwechsel benötigen. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) ließ Ende 2023 den Wirkstoff Eflornithin zu, der die Bildung von Polyaminen bremst, um eine seltene Krebsart bei Kindern zu bekämpfen. Andererseits zeigte eine Studie von 2016 um den Pariser Zellbiologen Guido Kroemer an Mäusen, dass Spermidin die Wirksamkeit einer Chemotherapie steigern kann, weil es dem Immunsystem bei der Erkennung von Tumorzellen hilft.
Worauf Verbraucher und bestimmte Risikogruppen achten müssen
Für gesunde Menschen, die sich ausgewogen ernähren, besteht nach Angaben der Forscher kein Grund zur Sorge. Erwachsene in Europa nehmen schätzungsweise 7 bis 25 Milligramm Spermidin täglich über die normale Nahrung auf. Für Nahrungsergänzungsmittel gilt in der Europäischen Union eine Obergrenze von 6 Milligramm pro Tag.
- Krebserkrankungen (aktuell oder in der Vergangenheit): Die Einnahme sollte unbedingt mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
- Histaminintoleranz: Spermidin kann die Freisetzung von Histamin anregen und entsprechende Beschwerden auslösen.
- Schwangere, Stillende und Kinder: Experten raten von der Einnahme hochdosierter Präparate ab.
- Medikamenteneinnahme: Wer das Tuberkulose-Medikament Ethambutol einnimmt, sollte Spermidin meiden, da es die Wirkung abschwächen kann.
Wer seine Aufnahme auf natürlichem Wege erhöhen möchte, greift zu Lebensmitteln wie Weizenkeimen, getrockneten Sojabohnen, gereiftem Käse, Shiitake-Pilzen oder Brokkoli. Diese liefern neben dem Stoff auch wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe.
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