Die Zürcher SP hat am Donnerstag, den 29. Mai 2026, in Schwamendingen entschieden, Daniel Jositsch nicht mehr für die Ständeratswahlen 2027 zu nominieren. Mit einem knappen Ergebnis von 109 zu 94 Stimmen wendet sich die Partei von ihrem populären Vertreter ab, während Nationalrätin Jacqueline Badran als linkere Alternative bereitsteht.
Es war ein Abend der harten Worte und der politischen Abrechnung. Im Evangelisch-Reformierten Kirchgemeindehaus in Schwamendingen wurde deutlich, dass die Geduld der Zürcher Sozialdemokraten mit ihrem bisherigen Ständerat am Ende ist. Daniel Jositsch, der seit drei Legislaturperioden den Sitz im „Stöckli“ besetzt, wurde von der eigenen Basis demontiert. Die Kritik war nicht nur sachlich, sondern emotional und persönlich.
Die Delegierten warfen Jositsch vor, die Parteilinie systematisch zu ignorieren. Besonders in der Asylpolitik und beim Umgang mit dem Klimaurteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte sah die Partei einen demokratischen Tiefpunkt
, wie Watson berichtete. Es ging nicht mehr nur um politische Nuancen, sondern um die Identität der Partei.
Der Bruch in Schwamendingen: Jositsch scheitert knapp
Das Abstimmungsergebnis von 109 zu 94 Stimmen zeigt, dass die Partei tief gespalten ist. Auf der einen Seite stehen die Strategen, die Jositschs Fähigkeit schätzen, über die Parteigrenzen hinweg Stimmen zu mobilisieren. Auf der anderen Seite steht ein linker Flügel, der die sozialliberalen Positionen des Strafrechtsprofessors nicht mehr toleriert.

Vor der Versammlung zirkulierte ein Dokument innerhalb der Partei, das detailliert auflistete, in welchen 16 Punkten Jositsch von der offiziellen Parteilinie abwich. Die Vorwürfe reichten von einer zu laxen Klimapolitik bis hin zu einem respektlosen Umgang mit Frauen, Migranten und queeren Menschen. Die Atmosphäre war entsprechend aufgeladen; Delegierte erklärten offen, dass sie sich schämten, derselben Partei wie Jositsch anzugehören.
Besonders die Juso Kanton Zürich feierte den Sturz mit einer Mischung aus Hämik und Triumph. Auf Instagram verabschiedete sich die Jugendorganisation mit den Worten Tschüss Dani – you will not be missed
. Der Juso-Präsident ging sogar so weit, Jositsch eine eigene Partei mit Mario Fehr zu empfehlen, in der er genügend gekränkte alte Männer
finden würde.
Die Badran-Option und die Rückkehr zur Parteilinie
Dass die Abstimmung so knapp ausging und Jositsch letztlich unterlag, liegt vermutlich an einem strategischen Schachzug von Jacqueline Badran. Die Nationalrätin signalisierte kurz vor der Versammlung über das Onlineportal Tsüri ihre Bereitschaft, als Ständeratskandidatin zur Verfügung zu stehen.
Damit entzog sie den Jositsch-Unterstützern ihr stärkstes Argument: die vermeintliche Alternativlosigkeit. Laut Blick gilt Badran als Leitfigur der Partei, insbesondere bei Themen wie Wohnungspolitik, Unternehmenssteuern und Renten. Wo sie die Führung übernimmt, gewinnt die SP meistens.
Die Partei setzt damit auf einen Kurswechsel. Weg vom sozialliberalen Kompromisskurs, hin zu einer deutlich linkeren Profilierung im Ständerat. Doch dieser ideologische Gewinn könnte einen hohen Preis haben.
Strategisches Risiko: Die Gefahr des Sitzverlusts
Die Entscheidung ist aus elektoraler Sicht ein riskantes Spiel. Daniel Jositsch war der Grund, warum die Zürcher SP 2015 nach einer 32-jährigen Durststrecke überhaupt wieder im Ständerat vertreten war. Seine Popularität in der breiten Bevölkerung ist belegt: In den letzten drei Wahlen holte er jeweils die meisten Stimmen aller Ständerats-Kandidaturen.

Der Polit-Analyst Mark Balsiger warnt davor, dass die SP mit diesem Schritt ihren Sitz gefährdet. Er sieht in der Nicht-Nomination eine klare Botschaft an alle Mitglieder, dass mangelnde Linientreue nicht toleriert wird.
Die SP riskiert, den Sitz zu verlieren. Daniel Jositsch ist in der breiten Bevölkerung derart populär, dass er auch 2027 problemlos wiedergewählt worden wäre.
Mark Balsiger, Polit-Analyst, via 20 Minuten
Balsiger weist darauf hin, dass Badran zwar im Nationalrat ein Star ist, es ihr aber möglicherweise schwerfallen wird, in ländlichen Regionen die gleiche Wirkung zu erzielen wie Jositsch. Wie 20 Minuten berichtet, könnte Jositsch sogar als Parteiloser antreten. In diesem Szenario würde er laut Balsiger sogar noch an Unterstützung in anderen politischen Lagern gewinnen, da er nun als Opfer einer parteiinternen Säuberung wahrgenommen wird.
Ein Muster der Abkehr: Von Mario Fehr zu Daniel Jositsch
Der Fall Jositsch ist kein isoliertes Ereignis, sondern scheint Teil eines wiederkehrenden Musters innerhalb der Zürcher SP zu sein. Die Partei hat in den letzten Jahren mehrfach mit Politikern gebrochen, die beim Stimmvolk beliebt waren, aber intern als zu moderat oder eigenwillig galten.

Ein prominentes Beispiel ist Mario Fehr. Bereits 2018 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Fehr und den linken Kräften seiner Partei, insbesondere wegen seiner harten Linie in der Asylpolitik und dem Kauf eines Staatstrojaners. Obwohl er damals noch nominiert wurde, endete die Beziehung schließlich 2021 mit seinem Austritt aus der Partei.
Die Parallelen sind frappierend: Beide Politiker waren in der Lage, über die Parteigrenzen hinweg zu punkten, und beide wurden von der eigenen Basis als zu rechts oder zu wenig solidarisch gebrandmarkt. Es stellt sich die Frage, ob die Zürcher SP ein strukturelles Problem mit Männern hat, die in der Mitte der Gesellschaft ankommen, aber am linken Rand der Partei scheitern.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Partei diesen internen Reinigungsprozess überlebt oder ob sie sich durch die Kappung ihres moderaten Flügels selbst schwächt. Wenn Jositsch tatsächlich als Unabhängiger antritt, könnte das Duell 2027 zu einem persönlichen Rachefeld werden, bei dem die SP nicht nur ihren Ständeratssitz, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit als breite Volkspartei riskiert.