Rechtsextreme Jugendgruppen jagen in italienischen Großstädten derzeit Migranten und Obdachlose, wobei sie gewaltsame Übergriffe als Remigration
und nationale Verteidigung rechtfertigen. In Städten wie Rom und Mailand organisieren sich diese Gruppen als sogenannte Ronde antimaranza
, um durch Selbstjustiz Ordnung herzustellen, während viele Opfer aus Angst vor Behörden keine Anzeige erstatten.
Die Sicherheitslage in italienischen urbanen Zentren ist durch eine neue Welle organisierter Gewalt gekennzeichnet. Ermittler stellen fest, dass Jugendliche mit engen Verbindungen zu rechtsextremen Strukturen gezielte Jagden auf schutzlose Personen verüben. Diese Gruppen agieren nicht isoliert, sondern folgen einer ideologischen Agenda, die unter dem Schlagwort Remigration
zusammengefasst wird. Das Ziel dieser selbst ernannten Selbstverteidigungsgruppen ist die gewaltsame Herstellung von Ordnung
im Land.
Die Strategie der „Ronde antimaranza“
Ein zentrales Element dieser Gewaltwellen sind die sogenannten Ronde antimaranza
. Bei diesen Streifzügen, den Ronde
, konzentrieren sich die Täter gezielt auf Jugendliche mit Migrationshintergrund. Im lokalen Jugendslang werden diese als Maranza
bezeichnet, wobei die Gruppen vor allem Personen ins Visier nehmen, die sich auffällig kleiden oder ein störendes Verhalten an den Tag legen.
Die geografische Ausbreitung dieser Vorfälle ist beachtlich. Besonders betroffen sind die großen Metropolen Rom, Mailand und Turin. Die Gewalt beschränkt sich jedoch nicht auf diese Zentren; auch in Städten wie Bologna, Taranto, Verona und Vicenza werden ähnliche Muster beobachtet. Die Übergriffe enden häufig darin, dass die Opfer schwer verletzt werden und in Krankenhäuser eingeliefert werden müssen.
Um ihre Taten zu legitimieren, greifen einige dieser Gruppen auf eine paradoxe Interpretation der italienischen Verfassung zurück.
Die Verteidigung des Vaterlandes ist heilige Pflicht des Staatsbürgers.
Artikel 52 der italienischen Verfassung
Diese rechtliche Referenz dient als Vorwand, um kriminelle Handlungen als patriotische Pflicht umzudeuten und die staatliche Gewaltmonopol-Struktur zu unterwandern.
Gewalt am Bahnhof Roma Termini
Die Brutalität dieser Gruppierungen wird durch konkrete Vorfälle deutlich. Vor einigen Monaten kam es am Bahnhof Roma Termini zu einem schweren Angriff, bei dem drei Jugendliche im Alter von 17, 19 und 20 Jahren fünf Obdachlose mit Schlagstöcken zusammenschlugen. Die Ermittlungen ergaben, dass die Täter rechtsextremen Gruppen angehören.
Die Haltung der Täter ist dabei von einer völligen Abwesenheit von Reue geprägt. Wie die Tageszeitung La Stampa
berichtete, rechtfertigte einer der Beteiligten sein Handeln mit der Überzeugung, dass der Staat versage.
Wer, wenn nicht ich, soll handeln? Sonst tut es ja niemand.
Täter des Angriffs am Bahnhof Roma Termini, via La Stampa
Diese Aussage verdeutlicht das Narrativ der Selbstjustiz: Die Täter sehen sich nicht als Kriminelle, sondern als notwendige Stellvertreter einer vermeintlich schwachen staatlichen Ordnung.
Ideologische Symbole und Opfergruppen
Die Verbindung zu einem tieferen rechtsextremen Netzwerk wird durch die verwendeten Symbole sichtbar. Bei den Tätern finden sich häufig Schlagringe sowie Exemplare von Mein Kampf
als Zeichen ihrer politischen Gesinnung. Diese Symbole dienen sowohl der internen Identifikation als auch der Einschüchterung der Opfer.
Obwohl die Ronde antimaranza
primär auf Migranten abzielen, ist das Spektrum der Opfer weiter gefasst. Die Gruppen greifen systematisch Menschen an, die sie als anders
oder unerwünscht
wahrnehmen.
- Obdachlose, die oft resigniert auf ihr Schicksal reagieren.
- Homosexuelle sowie weitere Mitglieder der LGBTQIA+-Gemeinschaft.
- Religiöse Minderheiten.
- Ausländer, unabhängig davon, ob sie über eine legale Aufenthaltsgenehmigung verfügen.
Die institutionelle Lücke und das Schweigen der Opfer
Ein kritisches Problem für die Strafverfolgungsbehörden ist die geringe Anzeigenquote. Trotz der Schwere der Verletzungen und der Tatsache, dass viele Opfer krankenhausreif geprügelt werden, bleiben offizielle Anzeigen selten. Dieses Schweigen ist systemisch bedingt.
Migranten, selbst jene mit legalem Status, meiden den Kontakt zur Polizei. Die Angst vor staatlichen Institutionen überwiegt oft den Wunsch nach Gerechtigkeit, was den Tätern eine faktische Straffreiheit verschafft. Obdachlose hingegen scheinen sich mit ihrer Situation abgefunden zu haben, was die Hemmschwelle für weitere Angriffe senkt.
Die Kombination aus ideologischer Radikalisierung Jugendlicher, der Instrumentalisierung der Verfassung und der Marginalisierung der Opfer schafft einen Raum, in dem rechtsextreme Gewalt als legitimes Mittel zur Säuberung
des öffentlichen Raums wahrgenommen wird. Die Ermittler stehen vor der Herausforderung, diese Netzwerke aufzudecken, während die Opfer aus Angst oder Hoffnungslosigkeit im Schatten bleiben.