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Gesundheit

Schizophrenie: Neue cholinergische Wirkstoffe mit weniger Nebenwirkungen

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA genehmigte am 26. September 2024 das Medikament Cobenfy (Xanomelin-Trospium) zur Behandlung der Schizophrenie. Es ist das erste Antipsychotikum seit Jahrzehnten, das nicht primär an Dopamin-D2-Rezeptoren ansetzt, sondern das cholinerge System nutzt, um psychotische Symptome zu lindern und gleichzeitig metabolische Nebenwirkungen sowie motorische Störungen zu vermeiden.

Die Pharmakotherapie der Schizophrenie basierte über fast sieben Jahrzehnte auf einem zentralen Dogma: der Blockade von Dopamin-D2-Rezeptoren. Während diese Strategie bei der Behandlung von positiven Symptomen wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen effektiv ist, bringt sie systematische Kosten mit sich. Patienten leiden häufig unter massiver Gewichtszunahme, Typ-2-Diabetes oder extrapyramidal-motorischen Störungen, die die Lebensqualität und die Therapietreue erheblich einschränken.

Mit der Einführung von Cobenfy, entwickelt von Karuna Therapeutics und inzwischen in den Besitz von Bristol Myers Squibb, verschiebt sich der Fokus auf das Acetylcholin-System. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die neuronale Aktivität indirekt zu modulieren, ohne die Dopamin-Rezeptoren direkt zu blockieren.

Der Mechanismus: Muskarinische Agonisten statt Dopamin-Blockade

Cobenfy ist eine Kombinationstherapie aus zwei Wirkstoffen: Xanomelin und Trospium. Dieser duale Aufbau ist notwendig, um die therapeutische Wirkung im Gehirn zu maximieren und gleichzeitig die Nebenwirkungen im Körper zu minimieren.

Xanomelin fungiert als Agonist an den muskarinischen M1- und M4-Rezeptoren im zentralen Nervensystem. Die Aktivierung dieser Rezeptoren führt zu einer indirekten Regulierung der Dopaminfreisetzung in den präfrontalen und mesolimbischen Regionen des Gehirns. Anstatt den Rezeptor einfach zu versiegeln, wie es klassische Neuroleptika tun, moduliert Xanomelin die Signalwege so, dass die Überaktivität des Dopamins gedämpft wird.

Das Problem reiner muskarinischer Agonisten liegt in ihrer Wirkung außerhalb des Gehirns. Die Aktivierung von Acetylcholin-Rezeptoren im peripheren Nervensystem führt typischerweise zu Übelkeit, Erbrechen und verstärktem Speichelfluss. Hier setzt Trospium an. Es handelt sich um einen muskarinischen Antagonisten, der die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann. Trospium blockiert die Rezeptoren im Körper, lässt die Wirkung von Xanomelin im Gehirn jedoch unberührt.

Klinische Daten und die Reduktion von Nebenwirkungen

Die Wirksamkeit von Cobenfy wurde in einer Reihe von klinischen Studien, den sogenannten EMERGENT-Studien, belegt. In diesen Phase-3-Prüfungen wurde die Reduktion der Symptome mithilfe der Positive and Negative Syndrome Scale (PANSS) gemessen. Die Ergebnisse zeigten eine statistisch signifikante Verbesserung der Symptomatik im Vergleich zu Placebos.

Der entscheidende Vorteil liegt jedoch im Nebenwirkungsprofil. Da Cobenfy keine D2-Rezeptoren blockiert, treten die für Antipsychotika typischen Nebenwirkungen nicht auf. In den klinischen Daten wurde keine signifikante Gewichtszunahme festgestellt, was eine wesentliche Verbesserung gegenüber Wirkstoffen wie Olanzapin oder Clozapin darstellt. Zudem blieb die Prolaktinsekretion stabil, wodurch hormonelle Störungen und damit verbundene Symptome ausbleiben.

Die Abkehr von der D2-Blockade ermöglicht es, die psychotischen Symptome zu behandeln, ohne das metabolische Risiko zu erhöhen, das bei vielen Patienten zu einer verkürzten Lebenserwartung führt.

Bristol Myers Squibb, Pressemitteilung zur FDA-Zulassung

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Ausbleiben von extrapyramidalen Symptomen (EPS). Patienten unter herkömmlichen Antipsychotika entwickeln oft ein Zittern oder eine Steifheit der Muskeln (Parkinsonoid), die im schlimmsten Fall in eine Spätdyskinesie übergehen kann. Da Cobenfy nicht in den nigrostriatalen Dopaminweg eingreift, ist dieses Risiko bei der Anwendung der cholinergen Strategie nicht nachweisbar.

Herausforderungen und therapeutische Grenzen

Trotz des Fortschritts ist Cobenfy kein universelles Heilmittel. Die klinischen Daten weisen darauf hin, dass die gastrointestinalen Nebenwirkungen, obwohl durch Trospium reduziert, dennoch vorhanden sein können. Einige Patienten berichteten in den Studien von leichter Übelkeit oder Erbrechen zu Beginn der Therapie.

Herausforderungen und therapeutische Grenzen
Trospium

Zudem bleibt die Frage offen, wie Cobenfy bei Patienten wirkt, die bereits über Jahre hinweg hochdosierte D2-Blocker eingenommen haben. Die Umstellung von einer klassischen Therapie auf ein cholinerges Medikament erfordert eine präzise ärztliche Überwachung, um ein Rezidiv der Psychose während der Ausschleichphase zu vermeiden.

Ein weiterer Aspekt ist die Wirkung auf die kognitiven Symptome. Die Schizophrenie ist nicht nur durch Halluzinationen gekennzeichnet, sondern auch durch Defizite in der Aufmerksamkeit, dem Arbeitsgedächtnis und der Exekutivfunktion. Die Aktivierung der M1-Rezeptoren gilt theoretisch als vielversprechend für die Verbesserung dieser kognitiven Funktionen, doch die klinische Evidenz hierfür ist im Vergleich zur Reduktion der Positivsymptomatik noch weniger eindeutig.

Ein Paradigmenwechsel in der Psychiatrie

Die Zulassung von Cobenfy markiert das Ende einer Ära, in der die Dopamin-Hypothese die einzige therapeutische Option darstellte. Die Medizin erkennt zunehmend an, dass Schizophrenie eine komplexe Störung mehrerer Neurotransmittersysteme ist.

Für die klinische Praxis bedeutet dies eine Erweiterung des Instrumentariums. Ärzte können nun differenzierter entscheiden: Patienten mit einem hohen Risiko für metabolisches Syndrom oder solche, die bereits unter motorischen Störungen leiden, können von einem cholinergen Ansatz profitieren. Die Integration in die europäischen Leitlinien steht noch aus, doch die Daten der FDA-Zulassung setzen einen Standard, dem sich die europäische Zulassungsbehörde EMA vermutlich anschließen wird.

Die Entwicklung zeigt zudem, dass die gezielte Kombination von Wirkstoffen – ein Agonist für die Wirkung und ein peripherer Antagonist für die Verträglichkeit – ein erfolgreiches Modell für die Entwicklung neuer Psychopharmaka sein kann. Es ist zu erwarten, dass weitere Unternehmen nun verstärkt in die Erforschung muskarinischer Rezeptoren investieren, um ähnliche Ansätze für andere neuropsychiatrische Erkrankungen zu finden.

Die langfristige Beobachtung der Patienten unter Cobenfy wird zeigen, ob die Vermeidung von Gewichtszunahme und motorischen Störungen tatsächlich zu einer höheren Adhärenz führt und somit die Rückfallquoten in der realen Welt senkt. Bisher ist die Therapie der Schizophrenie oft ein Kompromiss zwischen Symptomkontrolle und körperlicher Gesundheit; die cholinergen Wirkstoffe könnten diesen Kompromiss auflösen.

Patienten und Angehörige sollten die neuen Optionen mit ihrem behandelnden Arzt oder ihrer behandelnden Ärztin besprechen, um zu prüfen, ob eine Umstellung der Medikation im individuellen Fall sinnvoll ist. Konsultieren Sie immer Ihren Gesundheitsdienstleister, bevor Sie Medikamente ändern oder absetzen.

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Dr. Lena Hartmann

Über den Autor

Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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