Russland hat im Juli 2026 die Zahl seiner eingesetzten Langstreckendrohnen deutlich reduziert, während es gleichzeitig eine Rekordzahl an ballistischen Raketen abfeuerte. Laut Angaben der ukrainischen Luftwaffe sank der Einsatz von Geran-2-Drohnen im Vergleich zum Vormonat um 16 Prozent, was auf eine taktische Neuausrichtung oder Produktionsengpässe hindeutet.
Die russische Strategie im Luftkrieg hat sich verschoben. Während die massenhaft eingesetzten Shahed-Drohnen lange Zeit die primäre Bedrohung für ukrainische Städte darstellten, sind solche Angriffe laut einem Bericht der NZZ deutlich seltener geworden. Im Juli wurden laut ukrainischen Militärangaben nur rund 4.800 Langstreckendrohnen eingesetzt – primär des Typs Geran-2 (Shahed-136). Das ist ein Rückgang von 41 Prozent gegenüber dem Mai.
Gleichzeitig intensivierte Moskau den Einsatz von ballistischen Raketen, die im Juli eine Rekordzahl erreichten. Diese Waffen übertreffen die Drohnen in ihrer Sprengkraft bei weitem. Die Front im ostukrainischen Donbass bewegt sich indes nur langsam; Analysen zufolge gewann Russland im Juli lediglich zwischen 22 und 38 Quadratkilometern an Land, eine der geringsten Verschiebungen der letzten Jahre.
Rückgang der Geran-2-Einsätze und Produktionsfragen
Die Abnahme der Drohnenangriffe betrifft nicht nur die Gesamtzahl, sondern auch die Intensität einzelner Operationen. Im Mai gab es noch sechs Nächte, in denen Russland mehr als 500 Langstreckendrohnen gleichzeitig einsetzte. Im Juni waren es nur zwei, und im Juli blieb ein solcher Grossangriff vollständig aus. Die Geran-Drohnen, die nach iranischen Plänen in einer Fabrik in der Teilrepublik Tatarstan gefertigt werden, dienten bisher vor allem dazu, die ukrainische Abwehr durch schiere Masse zu überfordern und Energieanlagen anzugreifen.
Warum die Zahlen sinken, ist offiziell nicht erklärt. Der Think-Tank Isis vermutet Engpässe bei Komponenten wie Motoren oder Elektronik. Eine weitere Möglichkeit seien ukrainische Angriffe auf die russische Logistik, wie etwa ein kürzlich gemeldeter Schlag gegen einen Drohnenstützpunkt in der Grenzprovinz Brjansk.
Serhi Beskrestnow und die neue Abwehrstrategie
Ein anderer Grund für den Taktikwechsel liegt in der sinkenden Effektivität der alten Modelle. Serhi Beskrestnow, Drohnenexperte und Berater von Präsident Wolodimir Selenski, sieht die herkömmlichen Geran-Drohnen als weniger nützlich an als zuvor. Dank einer Kombination aus neuartigen Abfangdrohnen, der Luftwaffe und mobilen Maschinengewehr-Teams werden heute rund 90 Prozent dieser Drohnen abgeschossen.
Russland reagiert auf diesen Rüstungswettlauf mit der Einführung neuerer Modelle wie der Geran-4 und Geran-5. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern nutzen diese keine Benzinmotoren, sondern Strahltriebwerke, was sie deutlich schneller und damit gefährlicher macht. Obwohl die Produktionskapazitäten für diese Modelle noch begrenzt sind, erklärt dies laut der NZZ, warum die Abschussrate in den vergangenen Monaten leicht gesunken ist.
Die Bedrohung durch Iskander-Raketen
Während die Ukraine schnellere Abfangdrohnen entwickelt, bleibt die Abwehr ballistischer Raketen die schwierigste Aufgabe. Besonders die Iskander-Raketen stellen ein massives Problem dar. Sie erreichen mehrfache Schallgeschwindigkeit und tragen Sprengköpfe mit einem Gewicht von 500 bis 700 Kilogramm, was sie aufgrund ihrer Geschwindigkeit schwer abfangbar macht.
Die aktuelle Phase des Konflikts ist daher durch eine Verschiebung gekennzeichnet: Weg von den massierten, langsamen Kamikazedrohnen hin zu einer Kombination aus technologisch fortschrittlicheren Jet-Drohnen und einer massiv gesteigerten Schlagkraft durch ballistische Raketen.