Das rumänische Parlament hat am Montagabend den designierten Ministerpräsidenten Adrian Vestea in einer Vertrauensabstimmung abgelehnt. Vestea erhielt lediglich 189 der erforderlichen 233 Stimmen, nachdem die rechtsextreme Partei AUR die Unterstützung verweigerte. Damit verschärft sich die politische Krise im EU-Land, was den Zugang zu europäischen Fördermitteln gefährdet.
Die gescheiterte Abstimmung: Warum Vestea keine Mehrheit fand
Adrian Vestea scheiterte deutlich an der Hürde der absoluten Mehrheit. Für die Bestätigung als Regierungschef hätte er laut Deutschlandfunk eine Mindestzahl von 233 Ja-Stimmen benötigt. Tatsächlich stimmten nur 189 Abgeordnete für ihn, während 23 Parlamentarier aktiv dagegen votierten.
Die Beteiligung an der Abstimmung war auffällig niedrig. Von insgesamt 465 Parlamentariern nahmen lediglich 212 an der Wahl teil. Entscheidend war das taktische Verhalten der rechtsextremen AUR-Fraktion, die den Plenarsaal bereits vor Beginn der Abstimmung verließ.
Vestea hatte zuvor mit der AUR verhandelt, doch die Partei knüpfte ihre Zustimmung an eine Bedingung: Die etablierten Parteien dürften die AUR nicht länger als „extremistisch“ bezeichnen. Da diese Forderung nicht erfüllt wurde, entzog die Partei ihre Unterstützung. Die AUR lehnt zudem Hilfen für die Ukraine ab und kritisiert die Europäische Union scharf.
Adrian Vestea, designierter Ministerpräsident, via n-tv.deInterner PNL-Kampf: Die Ablehnung des eigenen Kandidaten
Das Scheitern Vesteas ist nicht nur das Ergebnis externer Blockaden, sondern auch eines tiefen Risses innerhalb seiner eigenen Partei, der Nationalen Liberalen Partei (PNL). Staatspräsident Nicușor Dan hatte Vestea nominiert, ohne dies zuvor mit der Parteiführung abzustimmen.

Dieser Schritt stieß auf massiven Widerstand innerhalb der PNL. Insbesondere der ehemalige Ministerpräsident Ilie Bolojan, der zugleich Parteivorsitzender ist, sprach sich strikt gegen Vestea aus. Die Ablehnung war so fundamental, dass die eigene Partei ihrem Kandidaten die Gefolgschaft verweigerte.
Die Konsequenzen für Vestea sind unmittelbar. Wie DIE ZEIT berichtet, hat ein Sonderparteitag am vergangenen Sonntag beschlossen, Vestea und seine Anhänger aus der PNL auszuschließen.
Der Sturz von Ilie Bolojan und die Rolle der PSD
Die aktuelle Instabilität ist die Folge eines Regierungsbruchs Anfang Mai. Die pro-europäische Koalition unter Ilie Bolojan bestand aus einer Koalition aus PSD, PNL, der liberalkonservativen Reformpartei USR sowie der Ungarn-Partei UDMR.

Der Bruch erfolgte, als die Sozialdemokraten (PSD), die stärkste Fraktion im Parlament, das Bündnis verließen. Auslöser waren unpopuläre Maßnahmen der Bolojan-Regierung, insbesondere Steuererhöhungen. In einer paradoxen Wendung verbündeten sich die linken Sozialdemokraten anschließend mit der extremen Rechten der AUR, um die Regierung per Misstrauensvotum zu stürzen.
Seit diesem Sturz regiert Bolojan lediglich kommissarisch. Präsident Dan versuchte mit der Nominierung Vesteas, die zerbrochene Verbindung zur PSD wiederherzustellen, um eine pro-europäische Mehrheit zu sichern. Vestea konnte zwar die Unterstützung der PSD gewinnen, scheiterte aber an der PNL und der AUR.
Das 60-Tage-Fenster: Die Drohung von Neuwahlen
Rumänien befindet sich nun in einem engen Zeitfenster. Präsident Dan muss einen neuen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten nominieren. Dieser neue Kandidat hat zehn Tage Zeit, ein Kabinett zu bilden und sich erneut dem Votum des Parlaments zu stellen.

Die verfassungsrechtliche Lage ist riskant: Sollten innerhalb von 60 Tagen zwei nominierte Ministerpräsidenten keine Mehrheit finden, kann der Präsident das Parlament auflösen und vorgezogene Neuwahlen ansetzen. Regulär finden Wahlen in Rumänien erst wieder im Jahr 2028 statt.
Die politische Landschaft macht Neuwahlen für viele Akteure unattraktiv. Aktuelle Umfragen zeigen, dass die rechtsextreme AUR derzeit zwischen 38 und 41 Prozent der Wählerstimmen erreicht. Beobachter gehen daher davon aus, dass das Parlament den nächsten Vorschlag des Präsidenten bestätigen wird, um eine Machtübernahme der AUR bei vorgezogenen Wahlen zu verhindern.
Als wahrscheinlichstes Szenario gilt derzeit eine Minderheitsregierung. Diese könnte entweder von den Sozialdemokraten oder von den drei Mitte-Rechts-Parteien der vorherigen Koalition getragen werden.
Finanzielle Risiken: EU-Fördermittel und Kreditwürdigkeit
Die politische Lähmung hat direkte ökonomische Auswirkungen. Laut n-tv gefährdet die verlängerte Krise den Zugang zu europäischen Fördermitteln. Da Rumänien auf diese Gelder für Infrastruktur und Reformen angewiesen ist, erhöht jede Woche ohne stabile Regierung den Druck auf den Staatshaushalt.
Zudem wird die Kreditwürdigkeit des Landes durch die institutionelle Instabilität belastet. Die Unfähigkeit, eine funktionierende Exekutive zu bilden, sendet negative Signale an internationale Märkte und Investoren.
Die nächsten Tage werden zeigen, ob Präsident Dan einen Kompromisskandidaten findet, der sowohl die PNL-Basis als auch die PSD zufriedenstellt, ohne die AUR in eine Position zu bringen, in der sie die Regierungsbildung erneut blockieren kann.
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