Ein von der Polizei abgegebener Schuss auf einen 14-Jährigen im Münchner Stadtteil Schwabing sorgt für heftige Widersprüche zwischen den Behörden und der Familie. Während Beamte von einer bedrohlichen Durchladebewegung mit einer Softair-Pistole berichten, beteuern Angehörige, der Jugendliche habe sofort den Boden berührt und um sein Leben gefleht.
Ein Dienstagnachmittag in der Belgradstraße im Münchner Stadtteil Schwabing endete für einen 14-jährigen Kurden mit schweren Schussverletzungen im Oberkörper und mehreren Notoperationen. Ausgelöst wurde der Großeinsatz durch eine Softair-Pistole, die der Jugendliche mit sich führte und die von Passanten für eine echte Schusswaffe gehalten wurde. Mittlerweile liegt der Junge nach Angaben seiner Mutter im Krankenhaus; er ist laut dem öffentlich-rechtlichen Sender BR außer Lebensgefahr, muss sich jedoch weiteren Eingriffen unterziehen.
Widersprüche zum Einsatzablauf in der Belgradstraße
Um den genauen Hergang des Schusswaffeneinsatzes ranken sich gravierende Differenzen zwischen den Darstellungen der Ermittler und den Schilderungen der Familie. Die Polizei München erklärte über ihren Sprecher Thomas Schelshorn, dass ein Zivilbeamter in dem Moment geschossen habe, als sich der Jugendliche umgedreht, eine Bewegung wie beim Durchladen ausgeführt und die Waffe noch in den Händen gehalten habe.
Völlig anders stellt sich die Situation nach Angaben der Familie dar, die von der Linken München und dem Kurdischen Zentrum unterstützt wird. Demnach habe der Schüler die Spielzeugpistole sofort auf den Boden geworfen, die Hände gehoben und laut gerufen.
„Es ist eine Spielzeugwaffe! Nicht schießen!“
Der 14-jährige Jugendliche, via Süddeutsche Zeitung
Die Familie wirft den Beamten zudem vor, den Schwerverletzten am Boden fixiert, gefesselt und gedemütigt zu haben. Erst nach Aufforderung durch eintreffende Sanitäter seien die Handschellen abgenommen worden. Die Polizei hingegen betont, umgehend Erste Hilfe geleistet zu haben, bis Notarzt und Rettungsdienst anrückten; von einer Fesselung war in der ursprünglichen Mitteilung keine Rede.
Videoaufnahmen und Zeugenaussagen im Fokus der Ermittler
Zur Aufklärung des Geschehens werten die Behörden Zeugenaussagen und Videoaufnahmen aus. In der Nähe des Tatorts führt die Spurensuche zu einem Waschsalon in der Belgradstraße. Eine Mitarbeiterin berichtete BR von einer Videoaufnahme, auf der der Jugendliche mit einer Begleiterin zu sehen sein soll. Die Waffe habe er auf Bauchhöhe getragen, zudem sei eine Bewegung zu erkennen, die wie das Durchladen einer Pistole wirkte. Eine Passantin sei darüber so erschrocken, dass sie in den Waschsalon geflüchtet sei. Ob diese Sequenz unmittelbar zu dem polizeilichen Eingreifen führt, bleibt unklar, da die Aufzeichnungen nach Angaben der Angestellten vor der Begegnung mit den Beamten enden.

Ein weiteres, der Berichterstattung vorliegendes Video zeigt das polizeiliche Vorgehen erst nach den Schüssen. Zu sehen sind Zivilbeamte, die den Verletzten umringen und prüfen, ob er weitere Waffen bei sich trägt, kurz bevor Uniformierte eintreffen, um medizinische Hilfe zu leisten. Die Staatsanwaltschaft München I bestätigte die Existenz von Aufnahmen bis kurz vor der Schussabgabe. Der betroffene 14-Jährige konnte bislang jedoch nicht vernommen werden, während seine Begleiterin sowie weitere Zeugen bereits befragt wurden.
Ermittlungen des Landeskriminalamts und asylrechtlicher Hintergrund
Die rechtliche Prüfung des Falls liegt beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA), das unter sachlicher Leitung der Staatsanwaltschaft ermittelt. Die beteiligten Polizisten, einschließlich des schießenden Beamten, werden in den Vorermittlungen als Zeugen geführt. Johannes König, der Vorsitzende der Münchner Linken, kritisierte den Einsatz scharf und forderte eine lückenlose und unabhängige Aufklärung der Umstände. Er warf dem Beamten vor, die Lage fatal falsch eingeschätzt und völlig unverhältnismäßig gehandelt zu haben.
Die Familie des Jungen stammt aus der Türkei und lebt seit 2023 in Deutschland. Da ihre Asylanträge abgelehnt wurden und dagegen Klagen laufen, dürfen sie sich aufgrund eines stattgegebenen Eilantrags des Verwaltungsgerichts München vorerst rechtmäßig im Land aufhalten. Die Mutter beschreibt ihren Sohn als kindlich für sein Alter und erklärte gegenüber BR, er habe die Softair-Waffe kurz zuvor von seinem Taschengeld gekauft.
Belastete Chronik von Schusswaffeneinsätzen in München
Der Vorfall in Schwabing reiht sich in eine Serie von belastenden Polizeieinsätzen in der bayerischen Landeshauptstadt ein. In den Jahren 2024 und 2025 kam es zu drei weiteren Einsätzen mit Schusswaffenabgaben durch Beamte, die jeweils tödlich endeten und bei denen die Vorermittlungen laut <a href="https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-polizeieinsatz-schuss-14-jaehriger-familie-vorwuerfe-li.

- 19. August 2024: Schüsse auf eine psychisch auffällige Frau in einem Supermarkt an der Implerstraße.
- 5. September 2024: Tödliche Schüsse auf einen Österreicher mit einem Gewehr am NS-Dokumentationszentrum nahe dem Karolinenplatz, der einen Anschlag auf das israelische Generalkonsulat verüben wollte.
- 7. Juni 2025: Ein weiterer Einsatz an der Theresienwiese gegen eine ebenfalls mit einem Messer bewaffnete, psychisch auffällige Person.
Mit schnellen Ergebnissen im aktuellen Verfahren gegen den schießenden Polizisten ist laut Angaben der Staatsanwaltschaft nicht zu rechnen, da die Auswertung aller Spuren und Zeugenaussagen noch andauert.
Polizei und Staatsanwaltschaft die Rechtmäßigkeit des jeweiligen Waffeneinsatzes sowie die Hintergründe der Ereignisse im Rahmen der laufenden Ermittlungen prüfen.