Ukrainischer Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am vergangenen Mittwoch eine ukrainische Spezialeinheit offiziell zu „Helden der UPA“ ernannt. Dieser Schritt löste in Polen eine diplomatische Krise aus, woraufhin Präsident Karol Nawrocki den Entzug des höchsten polnischen Verdienstordens an den ukrainischen Staatschef forderte.
„Helden der UPA“: Ein Dekret mit politischem Sprengstoff
Die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj betrifft das Zentrum für Spezialoperationen „Nord“ der ukrainischen Spezialeinsatzkräfte. Mit einem Dekret verlieh er der Einheit den Ehrennamen „Helden der UPA“. Laut Euronews begründete Selenskyj diesen Schritt damit, die historischen Traditionen der nationalen Armee wiederbeleben und die Verteidigung der territorialen Integrität der Ukraine würdigen zu wollen.

Die Abkürzung UPA steht für die Ukrainische Aufständische Armee, die 1942 als militärischer Arm der Partei der ukrainischen Nationalisten (OUN) gegründet wurde. Während die UPA in der Ukraine als Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft gilt, ist ihr Erbe in Polen zutiefst traumatisch. Die Organisation wird mit den Massakern an polnischen Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs in Verbindung gebracht, was die aktuelle Ehrung zu einem hochsensiblen diplomatischen Manöver macht.
Polens Präsident fordert Konsequenzen für Selenskyj
In Warschau stieß das Dekret auf heftigen Widerstand. Präsident Karol Nawrocki, der als Historiker die Tragweite der Benennung genau kennt, äußerte sein „großes Bedauern“ über die Entscheidung. Er warnte davor, dass die Glorifizierung der UPA der russischen Propaganda „viel Sauerstoff für Desinformation“ liefere. Wie die FAZ berichtet, sieht Nawrocki in der Ehrung ein Zeichen dafür, dass die Ukraine in ihrer Mentalität noch nicht bereit für einen Beitritt zur europäischen Familie sei.

Nawrocki ging sogar einen Schritt weiter und schlug vor, Selenskyj den Orden des Weißen Adlers wieder zu entziehen. Dies ist Polens höchste Auszeichnung, die Selenskyj am 5. April 2023 vom ehemaligen Präsidenten Andrzej Duda erhalten hatte. Der Vorschlag zur Aberkennung des Ordens geht auf einen Appell des Abgeordneten Grzegorz Płaczka zurück. Die Sitzung des Ordenskapitels, die über dieses Schicksal entscheiden könnte, ist für den 8. Juni angesetzt.
So baut man keine Beziehungen zwischen Nationen auf. Karol Nawrocki, Polnischer Präsident
Die Warnung von Donald Tusk: Moskau als Profiteur
Auch der polnische Regierungschef Donald Tusk äußerte sich besorgt über die Eskalation. Er bezeichnete Selenskyjs Entscheidung als einen Schritt, der die historische Sensibilität Polens verletze. Nach Berichten von WELT nannte Tusk die Situation „beunruhigend“ für die Beziehungen beider Länder und kritisierte gleichzeitig die harte Reaktion Nawrockis, die er als einen „ähnlichen Schritt“ empfand.
Tusk mahnte zur Besonnenheit, um den gemeinsamen Feind nicht zu stärken. Er betonte, dass die Freundschaft und das Bündnis zwischen Polen und der Ukraine angesichts der russischen Bedrohung „etwas Unbezahlbares“ seien.
Wenn wir uns über die Vergangenheit zerstreiten, gewinnt jemand anderes die Zukunft. Der Präsident der Ukraine sollte das endlich verstehen. Die Polen auch. Bevor es zu spät ist! Donald Tusk, Polnischer Ministerpräsident
Der polnische Außenministerium unterstrich die Schärfe des Konflikts. Sprecher Maciej Wewiór erklärte, der Name der neuen ukrainischen Einheit verletze das Gedenken an die Opfer der UPA und belaste den notwendigen Dialog zwischen den Nationen.
Das Trauma von Wolhynien: Ein ungelöster Konflikt
Der Kern des diplomatischen Streits liegt in der Gewalt der 1940er Jahre. Die UPA war maßgeblich an den Massakern in der Region Wolhynien beteiligt, die zwischen 1943 und 1945 ihren Höhepunkt erreichten. Wie der Kurier darlegt, starben bei diesen Ausschreitungen bis zu 100.000 ethnische Polen. Die Gewalt erreichte im Juli 1943 eine extreme Intensität, wobei viele Opfer in ihren eigenen Kirchen getötet wurden.
Die historische Komplexität erschwert eine Einigung: Während die UPA zeitweise mit der deutschen Besatzungsmacht kollaborierte, kämpfte sie später sowohl gegen die Wehrmacht als auch gegen die Rote Armee. In der heutigen Ukraine werden viele Mitglieder der OUN und UPA als Freiheitskämpfer verehrt, während sie in Polen als Täter von Massenmorden gelten. Diese tiefen Gräben in der Geschichtspolitik drohen nun, die strategische Allianz gegen Russland zu untergraben.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die diplomatischen Kanäle zwischen Warschau und Kiew die historischen Wunden schließen können oder ob die symbolische Ehrung einer Militäreinheit zu einem dauerhaften Bruch in der osteuropäischen Sicherheitsarchitektur führt.