Budapest bebt. Nach sechzehn Jahren unangefochtener Macht ist das Regime von Viktor Orbán gestürzt. In einer Wahlnacht, die Ungarn grundlegend verändert hat, fegte Péter Magyar und seine Partei Tisza die Fidesz aus dem Regierungssitz. Es ist nicht bloß ein Wechsel an der Spitze, sondern ein politisches Erdbeben, das die gesamte Europäische Union in Atem hält.
Ein Triumph, der kaum vorstellbar war
Die Stimmung am Budaer Donauufer war am Sonntagabend elektrisierend. Menschen kletterten auf Bushaltestellen und Bäume, um einen Blick auf die Bühne zu erhaschen, auf der Péter Magyar seinen Sieg verkündete. Autokorsos zogen durch die Innenstadt, spontanes Feuerwerk erhellte den Himmel, und Fremde fielen sich in den Armen. Als Magyar gegen 23 Uhr die Bühne betrat, war der Jubel ohrenbetäubend. „Wir haben es geschafft“, rief er der Menge zu. Er sprach davon, dass sich Ungarn gemeinsam vom Orbán-Regime befreit habe.
Die Zahlen belegen die Wucht dieses Sieges. Magyar führte die erst vor zwei Jahren übernommene Tisza-Partei zu mehr als 53 Prozent der Stimmen. Dank des mehrheitsfördernden Wahlrechts bedeutet das eine absolute Dominanz im Parlament: 138 von 199 Sitzen. Damit hält Magyar eine Zweidrittelmehrheit und besitzt das Mandat, die „illiberale Wende“ der letzten Jahre rückgängig zu machen.
Das Ende einer Ära und das Eingeständnis des Besiegten
Viktor Orbán erlebte ein Debakel. Seine Partei Fidesz stürzte auf 38 Prozent ab – ein Ergebnis, das es in dieser Form seit fast dreißig Jahren nicht mehr gab. Zuerst versuchte das Lager der Regierung noch, Zweifel an der Legitimität der Wahl zu säen und sprach von massivem Betrug durch die Opposition. Doch die Ergebnisse waren schlicht zu eindeutig.
Kurz nach Eintreffen der ersten Resultate trat Orbán vor seine Anhänger. Seine Rede war kurz und ungewohnt schmerzhaft. Er gestand die Niederlage ein und bestätigte, dass er Magyar bereits telefonisch gratuliert habe. Der bisher amtsälteste Regierungschef der EU erklärte, er werde dem Land nun in der Opposition dienen, betonte jedoch gleichzeitig: „Wir werden niemals aufgeben“.
Vom Insider zum Hoffnungsträger
Péter Magyar ist ein politischer Senkrechtstarter. Er war selbst Teil des Systems, ein Mitglied der Fidesz und ein gut vernetzter Insider. Sein Bruch mit Orbán wurde öffentlich, als er 2024 im Zuge eines Begnadigungsskandals alle Regierungsämter aufgab. Einen Wendepunkt markierte eine geheime Audioaufnahme seiner damaligen Ehefrau, Justizministerin Judit Varga, die angebliche Regierungseinflüsse in einem Korruptionsfall beschrieb.
Magyar polarisierte von Anfang an. Kritiker aus dem Oppositionslager nannten ihn arrogant und selbstzentriert. Doch genau diese abrasive Art schien die Wähler zu überzeugen, die nach einem starken Gegenspieler für Orbáns Apparat suchten. Er versprach die Bekämpfung der Korruption und die Wiederherstellung demokratischer Normen.
Brüssel atmet auf: Das Ende der Veto-Politik?
In Brüssel wirkt die Nachricht wie eine Befreiung. Sechzehn Jahre lang blockierte Orbán die EU mit Vetos und Drohungen, besonders in der Außenpolitik. Er agierte zuletzt immer offener als Verbündeter Russlands. Nun könnte die Blockade des 90-Milliarden-Hilfspakets für die Ukraine endlich der Vergangenheit angehören. Wenn Magyar seine Wahlkampfversprechen hält, wird die EU in der Ukraine-Politik deutlich schneller entscheiden können.
Einige Experten warnen jedoch davor, eine plötzliche außenpolitische Einigkeit in Europa zu erwarten. Die EU leidet an chronischen Differenzen beim Umgang mit den USA oder im Nahen Osten. Zudem bleibt die Frage der Erweiterungspolitik für den Westbalkan und Moldau ungeklärt. Die Orban-Jahre haben vor allem eines gezeigt: das Einstimmigkeitsprinzip ist ein systemischer Fehler. Ein einzelnes Land kann Entscheidungen blockieren, die bereits getroffen wurden.
Es bleibt abzuwarten, ob andere Staaten, wie etwa die Slowakei unter Robert Fico, nun ebenfalls ihren Kurs ändern. Fico hatte Orbáns Linie oft sekundiert, doch ohne den starken Partner in Budapest könnte er sich nicht mehr so leicht hinter ihm verstecken.
Wie hoch ist der Wahlsieg von Péter Magyar genau?
Die Tisza-Partei erreichte über 53 Prozent der Stimmen und sichert sich damit 138 der insgesamt 199 Sitze im Parlament. Das entspricht einer Zweidrittelmehrheit.
Warum ist dieser Machtwechsel für die EU so wichtig?
Viktor Orbán nutzte seine Vetomacht jahrelang, um EU-Entscheidungen zu blockieren oder zu verzögern, insbesondere bei Hilfspaketen für die Ukraine. Mit Magyar rückt ein Premierminister ins Amt, der eine engere Zusammenarbeit mit Brüssel und der NATO anstrebt.
Was bedeutet das Ergebnis für die politische Zukunft Ungarns?
Ungarn steht vor einer Zäsur. Die neue Regierung hat ein klares Mandat zur Rückabwicklung der illiberalen Wende. Ob Magyar die tiefen Gräben in der Gesellschaft überwinden kann, bleibt abzuwarten, doch die rekordhohe Wahlbeteiligung zeigt, dass ein Großteil der Bevölkerung einen radikalen Kurswechsel wollte.