Gegensätzliche Visionen: Fujimori gegen Sánchez

Der Wahlkampf in Peru ist eine Frontalst collision zweier unversöhnlicher Weltanschauungen. Auf der einen Seite steht die 51-jährige Keiko Fujimori von der konservativen Partei Fuerza Popular. Sie kandidiert bereits zum vierten Mal für das höchste Staatsamt. Ihr Programm setzt auf eine harte Hand gegen das organisierte Verbrechen, die Verpflichtung von Häftlingen zur Arbeit und eine umfassende Deregulierung der Wirtschaft. Gleichzeitig verspricht sie eine Verbesserung der finanziellen Unterstützung für Senioren und Kinder.
Ihr Gegner, der 57-jährige Roberto Sánchez vom Bündnis Juntos por el Perú, verfolgt einen radikal anderen Kurs. Als ehemaliger Minister unter dem inhaftierten Präsidenten Pedro Castillo plädiert Sánchez für eine Teil-Verstaatlichung der Bodenschätze und fordert die Ausarbeitung einer komplett neuen Verfassung.
Die Schatten der Vergangenheit hängen schwer über der Wahl. Fujimori ist die Tochter des verstorbenen Ex-Präsidenten Alberto Fujimori, der das Land von 1990 bis 2000 autoritär regierte. Der Vater wurde wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen verurteilt, darunter ein Programm zur Zwangssterilisation zehntausender indigener Frauen, das offiziell als Armutsbekämpfung getarnt war.
Rechtliche Turbulenzen für Roberto Sánchez

Kurz vor dem entscheidenden Wahltag geriet der linke Kandidat in die Defensive. Ein Richter ordnete einen Prozess gegen Roberto Sánchez an, da dieser mutmaßlich falsche Angaben zur Finanzierung seiner Partei gemacht habe.
Richter Adolfo Farfán, via Der Standard
Laut Der Standard hat diese gerichtliche Entscheidung voraussichtlich keine Auswirkungen auf die Durchführung der Stichwahl selbst. Sánchez hat eine Woche Zeit für einen Einspruch, und seine Verteidiger haben bereits Berufung angekündigt. Sollte er die Wahl gewinnen, würde er gemäß der peruanischen Verfassung ohnehin Immunität genießen.
Ein Staat im permanenten Ausnahmezustand
Die politische Architektur Perus ist derzeit von einer extremen Instabilität geprägt. Ein permanenter Konflikt zwischen dem Parlament und der Regierung hat das Land in eine tiefe Krise gestürzt. Die Zahlen belegen den Zerfall der Kontinuität: Der amtierende Präsident José María Balcázar ist bereits der achte Staatschef innerhalb von nur zehn Jahren.
Ein Blick in die jüngere Geschichte zeigt, wie selten Stabilität in Lima herrscht. Der letzte Präsident, der tatsächlich seine gesamte fünfjährige Amtszeit beendet hat, war Ollanta Humala, der von 2011 bis 2016 regierte, wie die Tiroler Tageszeitung berichtet.
Diese chronische Instabilität führt zu einer gewissen Abstumpfung der Wählerschaft. Jose Ignacio Beteta, Vorsitzender des peruanischen Steuerzahlerverbands, relativiert die Bedeutung des Links-Rechts-Schemas. Er argumentiert, dass es in Peru weder echte rechte noch linke Regierungen gebe, sondern lediglich korrupte, merkantilistische Führungen durch sogenannte Caudillos ohne echte politische Doktrin.
Peru als Teil eines kontinentalen Rechtsrucks
Die Wahl in Peru findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist Teil einer breiteren Bewegung in Lateinamerika. Der historische Traum der Linken von einer antiimperialistischen „Patria Grande“ – einem sozialistischen Block von Mexiko bis Chile – scheint zu bröckeln. Stattdessen rückt der Kontinent kollektiv nach rechts.
Die aktuelle politische Landkarte zeigt eine deutliche Tendenz:
- Bereits rechts geführt: Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, Honduras und Costa Rica haben bereits Alliierte des US-Präsidenten Donald Trump an der Macht oder haben deren Kurs bestätigt.
- Bevorstehende Weichenstellungen: In Kolumbien gilt der rechtslibertäre Hardliner Abelardo de la Espriella als Favorit für die Stichwahl in zwei Wochen.
- Potenzielle Außenseiter: In Brasilien hofft Flavio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, auf eine Chance bei den Wahlen im Herbst.
Sollte Keiko Fujimori am Sonntag gewinnen, würde sie diesen Trend bestätigen. Laut WELT gelten Fujimori und andere rechte Spitzenpolitiker der Region als potenzielle Verbündete von Donald Trump.
Für die Wähler in Peru geht es am Sonntag also nicht nur um die Frage, ob die Wirtschaft dereguliert oder die Bodenschätze verstaatlicht werden. Es ist eine Entscheidung darüber, ob Peru seinen Weg in eine neue Phase der rechten Konsolidierung einschlägt oder versucht, den linkspopulistischen Kurs, der mit Pedro Castillo begann, unter Roberto Sánchez neu zu definieren. In einem Land, in dem Präsidenten schneller wechseln als Regierungen ihre Programme, bleibt die Frage, ob der neue Staatschef überhaupt die Zeit bekommen wird, seine Visionen in die Tat umzusetzen.