Auf dem Europäischen Kongress für Endokrinologie in Prag wurde die Umbenennung des polyzystischen Ovarialsyndroms (PCOS) in polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS) bekanntgegeben. Die Änderung wird von 56 Fachgesellschaften und Patientenorganisationen unterstützt. Ziel ist eine präzisere Beschreibung der hormonellen und metabolischen Störungen, die über die bloße Beobachtung von Eierstockzysten hinausgehen.
Die medizinische Terminologie dient nicht nur der Kategorisierung, sondern steuert maßgeblich die diagnostische Herangehensweise und das Verständnis der Betroffenen. Die Entscheidung, den Begriff PCOS durch PMOS zu ersetzen, markiert eine Abkehr von einer rein morphologischen Beschreibung hin zu einer systemischen Einordnung der Erkrankung. Die Ankündigung erfolgte im Mai 2026 im Rahmen des Europäischen Endokrinologiekongresses in Prag.
Wissenschaftlicher Konsens und die Rolle der Fachgesellschaften
Die Umstellung auf den Namen polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS) ist kein isolierter Vorschlag einzelner Kliniken, sondern das Ergebnis einer breiten Abstimmung. Insgesamt 56 Fachgesellschaften und Patientenorganisationen sprechen sich für diese Neubenennung aus. Damit wird ein internationaler Konsens angestrebt, der die Komplexität der hormonellen Störung besser abbildet.
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die Erkenntnis, dass die bisherige Bezeichnung die zugrunde liegenden Mechanismen der Erkrankung unzureichend beschrieb. Die neue Bezeichnung PMOS rückt die endokrinen und metabolischen Komponenten in den Vordergrund, welche die weibliche Fruchtbarkeit und die allgemeine Gesundheit maßgeblich beeinflussen.
Die Irreführung durch den Begriff „polyzystisch“
Kritiker der alten Bezeichnung PCOS argumentieren, dass der Fokus auf Zysten in den Eierstöcken ein klinisches Missverständnis fördert. Tatsächlich handelt es sich bei den im Ultraschall sichtbaren Strukturen oft nicht um Zysten im klassischen Sinne, sondern um vergrößerte, unreife Follikel, die aufgrund eines ausbleibenden Eisprungs (Anovulation) nicht weiterentwickelt werden konnten.
Helena Teede, Leiterin des Monash Centre for Health Research and Implementation (MCHRI) in Melbourne
Diese Fehlinterpretation führte in der Vergangenheit dazu, dass die Diagnose zu stark an den bildgebenden Befund der Ovarien gekoppelt wurde. Die neue Bezeichnung PMOS soll verdeutlichen, dass die morphologischen Veränderungen an den Eierstöcken lediglich ein Symptom einer tiefer liegenden hormonellen Imbalance sind und nicht die primäre Ursache der Erkrankung darstellen.
Endokrine und metabolische Dimensionen des PMOS
Das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom ist durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hormonsysteme gekennzeichnet. Im Kern steht eine Überproduktion von Androgenen, den sogenannten männlichen Hormonen, in den Eierstöcken. Diese hormonelle Dysbalance stört den regulären Menstruationszyklus und führt häufig zu unvorhersehbaren Ovulationen oder einem vollständigen Ausbleiben der Periode.
Die Auswirkungen beschränken sich jedoch nicht auf das Fortpflanzungssystem. Die metabolische Komponente des Syndroms ist von hoher klinischer Relevanz, da Betroffene ein erhöhtes Risiko für systemische Erkrankungen aufweisen.
- Diabetes mellitus: Eine gestörte Glukosetoleranz ist häufig mit PMOS assoziiert.
- Bluthochdruck: Die metabolischen Störungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für hypertensive Krisen und chronischen Bluthochdruck.
- Hautveränderungen: Erhöhte Androgenspiegel führen oft zu Akne und verstärktem Haarwuchs (Hirsutismus).
Die Einbeziehung des Wortes metabolisch
in den Namen PMOS unterstreicht die Notwendigkeit, die Patienten nicht nur gynäkologisch, sondern auch endokrinologisch und internistisch zu betreuen.
Auswirkungen auf die klinische Praxis
Die Umbenennung soll dazu beitragen, dass die vielfältigen Merkmale der Erkrankung früher und präziser erkannt werden. Wenn die Diagnose nicht mehr primär an der Sichtbarkeit von „Zysten“ hängt, sinkt die Gefahr von Fehldiagnosen bei Frauen, deren Ultraschallbefunde unauffällig sind, die aber dennoch alle endokrinen Symptome des Syndroms zeigen.
Für die Betroffenen bedeutet der Namenswechsel eine Verschiebung der Perspektive. Weg von der Vorstellung einer lokalen Erkrankung der Eierstöcke hin zu einem Verständnis der Erkrankung als ganzheitliche hormonelle Regulationsstörung. Dies kann die Akzeptanz für multidisziplinäre Therapieansätze erhöhen, die neben der Hormonregulation auch die Ernährung und das metabolische Management einbeziehen.
Die Implementierung des Begriffs PMOS in den medizinischen Alltag wird voraussichtlich schrittweise erfolgen, wobei die Unterstützung durch die 56 Fachorganisationen eine schnelle Adaption in den Leitlinien erwarten lässt. Die wissenschaftliche Gemeinschaft betont, dass die Behandlung primär davon abhängt, ob eine Schwangerschaft angestrebt wird oder ob die Prävention von Langzeitfolgen wie Diabetes im Vordergrund steht.
Bitte konsultieren Sie bei gesundheitlichen Fragen oder für eine Diagnose Ihren behandelnden Arzt oder eine qualifizierte medizinische Fachkraft.